Über Abschreiben zur Rechtschreibung finden

Gestern war es wieder soweit: Die Lesen-durch-Schreiben-Sau wurde nach länger Pause durchs Dorf Internet getrieben. Nahezu jedes namhafte und weniger namhafte Blatt verbreitete die Meldung, dass „die Fibel“ zur besseren Rechtschreibung führt.Hier einige Beispiele:

Alle Texte lasen sich recht ähnlich, manchmal waren ganze Absätze nahezu identisch. Dies ist vermutlich damit zu erklären, dass alle Artikel auf einer Meldung aus dem DPA-Ticker beruhten, der wiederum eine Pressemitteilung der Uni Bonn aufgreift. Diese wurde dort schon vor einer Woche veröffentlicht und weist auf die Veröffentlichung der Studie im Rahmen eines Psychologie-Kongresses hin. Nun könnte man natürlich abwarten, ob zu der Studie noch ausführlichere Informationen veröffentlicht werden, um dann einen fundierten Artikel zu schreiben. Man könnte auch recherchieren, ob sich zu besagter Studie schon etwas im Netz findet (und dabei ein Handout finden, das im Rahmen eines Symposiums bereits im Juli veröffentlicht wurde). Oder man füllt die Pressemitteilung mit ein bisschen Halbwissen auf und setzt sie in die Zeitung bzw. ins Netz, denn Rechtschreibung und Grundschule sorgt immer für gute Klickzahlen, volle Kommentarspalten und angeregte Diskussionen in Facebookgruppen, deren Beteiligte auch wieder auf die Artikel klicken. Und Klicks bringen Geld. Recherche kostet Geld. Da fällt die Entscheidung nicht schwer.

Und beim Abschreiben kann man Dinge auch schnell vereinfachen. Aus der „Hamburger Schreibprobe“ (die zur Messung der Rechtschreibleistung genommen wurde) macht man schnell „Diktate“. Das kennen die Leser noch aus ihrer eigenen Schulzeit. Der Rechtschreibwerkstatt wird dann schnell unterstellt, dass sie keine feste Reihenfolge einhält und die Kinder im Grunde das bearbeiten können, was sie gerade wollen (was so nicht stimmt). Und „Lesen durch Schreiben“ ist natürlich noch immer weit verbreitet. Vermutlich ist alles, was eine Anlauttabelle benutzt, „Lesen durch Schreiben“. (dass zahlreiche Fibeln auch Anlauttabellen verwenden wird natürlich nicht erwähnt)

Der Kölner-Stadt-Anzeiger hat es aus meiner Sicht am konsequentesten durchgezogen. Er setzt die Meldung zur Studie ins „Panorama“, direkt neben die Meldung, dass Richard Gere noch einmal Vater wird. Das Verfassen beider Meldung und der Informationsgehalt dürften in etwa gleichauf liegen.

Nur am Rande: Mit ein bisschen mehr Recherche hätte der ambitionierte Journalist sogar herausgefunden, dass es zur Rechtschreibwerkstatt schon einmal eine vergleichende Studie mit einem klassischen Lehrwerk gab. Auch da geriet die Rechtschreibwerkstatt etwas ins Hintertreffen, aber weitem nicht so gravierend, wie es in der neuen Studie der Fall ist.

Zur Studie selbst möchte ich mich jetzt noch nicht äußern. Derzeit habe ich sehr viele Fragen auf dem Zettel, die weder durch die Pressemitteilung, noch durch besagtes Handout geklärt werden. Grundsätzlich begrüße ich es, wenn zur Rechtschreibung geforscht wird und bin daher auch sehr gespannt auf konkrete Inhalte (wer etwas findet, darf es gerne in den Kommentaren posten).

 

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2 Antworten

  1. Lotto-Fee sagt:

    Merci beaucoup für deinen Artikel! Das besänftigen in solchen Zeiten.

  2. Jule sagt:

    Vielen Dank für deinen wie immer kritischen und bereichernden Beitrag. HAb gerade folgendes entdeckt:
    http://www.rechtschreibwerkstatt-konzept.de/newsletter/offener-brief-zur-studie-der-uni-bonn/
    LG Jule

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