Ehs lest mich fatsweifehlln

Auch wenn ich mir fest vorgenommen haben, mich nicht mehr über die #Fibelstudie aufzuregen, stolpert man nahezu täglich über Pressemitteilungen, offene Briefe, Gegendarstellungen und nicht zuletzt auf Diskussionen, die oftmals leider auch ins Unsachliche abdriften und erkennen lassen, dass vertiefte Kenntnisse über Schriftspracherwerbskonzepte fehlen. Daraus erwächst Unmut und Frust auf allen Seiten der Diskussion. Daher versuche ich für mich selbst ein wenig „inneren Frieden“ zu finden, indem ich den gesamten Frust einmal rausschreibe. Ich möchte vor allen Dingen einmal darlegen, welche drei Punkte aus meiner Sicht derzeit besonders ungünstig laufen.
Einiges von dem, was ich schreibe, kann man in dem Buch „Schriftspracherwerb“ von Agi Schründer-Lenzen nachelsen, welches ich uneingeschränkt empfehlen kann (und welches als eBook für 15€ auch nicht besonders teuer ist).

Mangelnde Begriffsdefinition – Was ist „Lesen durch Schreiben“ überhaupt?

Kern der Aufregung ist das Konzept „Lesen durch Schreiben“, welches vor über 30 Jahren von Jürgen Reichen – der vor 9 Jahren verstorben ist – erdacht wurde. Alternativ findet man in den Medien auch oft die Bezeichnung „Schreiben nach Gehör“, was aus meiner Sicht allerdings irreführend ist, weil das „Schreiben nach Gehör“ (als phonologisch-orientiertes Schreiben) auch in anderen didaktischen Ansätzen eine Rolle spielt, die aber grundverschieden sind zu Reichens Ansatz. In diesem Ansätzen jedoch ist das „Schreiben nach Gehör“ ein wichtiger Entwicklungsschritt, der auch der Weiterentwicklung der phonologischen Bewusstheit dient. Diese wiederum ist eine wichtige Vorläuferkompetenz für den Rechtschreiberwerb. Das „Schreiben nach Gehör“ generell zu verteufeln führt also nicht zum Ziel.

Zentrales Arbeitsmittel bei Reichens Ansatz ist die Anlauttabelle, mit der die Kinder ausgiebig Texte schreiben. Merkmale von Unterricht nach Lesen durch Schreiben sind laut der Darstellung von Schründer-Lenzen:

  • keine systematische Einführung von Buchstaben
  • keine strukturierte Leseaufgaben
  • keine Übungen zur Rechtschreibung (die Rechtschreibung werde sogar schlechter, wenn man sie gezielt trainieren würde).
  • keine expliziten Übungen der Druck- oder Schreibschrift
  • Fehler beim Schreiben werden nur verbessert, wenn Laute vergessen, vertauscht oder falsch zusätzlich hinzugefügt wurden

In einigen Bundesländern existieren inzwischen ausgewiesene Verbote dieser Methode. Jedoch lässt sich durch einen Abgleich der Lehrpläne mit den Forderungen Reichens feststellen, dass ein Unterricht nach Reichen nicht lehrplankonform ist. In NRW lauten die vorgegebenen Kompetenzziele in Deutsch am Ende der Schuleingangsphase beispielsweise:

  • die SuS schreiben flüssig und formklar in Druckschrift
  • die SuS nutzen Abschreibtechniken
  • die SuS wenden beim Schreiben eigener Texte erste Rechtschreibmuster und rechtschriftliche Kenntnisse an (z. B. Einhalten der Wortgrenzen, Großschreibung nach Satzschlusszeichen, Endungen -en und -er sowie Schreibung von Wörtern mit au, ei, eu, ch, sch, st, sp und qu)

In einem Unterricht, der zu diesen Bereichen keinerlei Übungen anbietet, werden nicht alle Schülerinnen und Schüler diese Kompetenzen erreichen können. Wenn eine Lehrkraft also „Lesen durch Schreiben“ betreibt, kann sie nicht ihrem Lehrauftrag gerecht werden. Ein Verbot erübrigt sich somit aus meiner Sicht.

Im Umkehrschluss heißt dies aber auch: wenn Übungen zu den oben genannten Bereichen angeboten werden, dann betreibt die Lehrkraft kein „Lesen durch Schreiben“ nach Reichen. Das einzige Kernmaterial von Reichens Unterrichtsmethode ist die Anlauttabelle. Diese taucht aber auch in vielen anderen Ansätzen auf, wie z.B. dem Spracherfahrungsansatz. Aber auch viele Fibeln arbeiten inzwischen mit einer Anlauttabelle (ich schreibe bewusst „viele“ Fibeln, da ich mich nicht mit allen Fibeln auseinandergesetzt habe).

Der fatale Fehler, der nun in der öffentlichen Diskussion gemacht wird, ist der, dass oftmals aus der Verwendung einer Anlauttabelle (und den entsprechenden Methoden im Unterricht) darauf geschlossen wird, dass Unterricht nach Reichen – also „Lesen durch Schreiben“ durchgeführt wird.

Erboste Eltern erregen sich dann darüber, dass im Unterricht die Anlauttabelle genutzt wird, dabei sei dies doch längst verboten worden. Den Lehrern, in deren Unterricht die Anlauttabelle im Anfangsunterricht eine Rolle spielt, wird dann jetzt vorgehalten, dass dies ja total unwirksam und schädlich sei.

Es fehlen belastbare Zahlen, wie weit verbreitet Reichens Konzept unter den oben umrissenen Bedingungen überhaupt noch ist. Dies wiederum wirft die Frage auf, ob eine Untersuchung seiner Lernwirksamkeit und daraus resultierende Empörung überhaupt geboten ist.

Mangelnde Begriffsdefinition – Der Spracherfahrungsansatz

Kommen wir also zur Bonner Fibelstudie. Diese postuliert in einem Paper, welches im Rahmen eines Kongresses vorgestellt wurde, dass die Untersuchung folgende Intention hat:

Die Rechtschreibleistungen von Grundschulkindern, die entweder mit einem systematischen Fibelansatz, dem freien Konzept Lesen durch Schreiben oder mit der Rechtschreibwerkstatt unterrichtet wurden, wurden analysiert, wobei letztere den Spracherfahrungsansatz verfolgen.

Mit diesem kleinen, aber feinen Satz wird behauptet, dass „Lesen durch Schreiben“ dem Spracherfahrungsansatz zuzurechnen ist. Auch der Spracherfahrungsansatz wird in dem genannten Buch von Schründer-Lenzen dargestellt. Interessant ist, dass sich auch die Autoren der Fibelstudie auf Schründer-Lenzen beziehen:

Basierend auf empirischen psychologischen und linguistischen Forschungsbefunden (Schründer-Lenzen, 2013) wird der Frage nachgegangen, […]

Schon in der Einleitung schreibt Schründer-Lenzen jedoch folgendes:

Während für den Spracherfahrungsansatz gezeigt werden kann, wie er den Gedanken einer Öffnung von Unterricht zunehmend mit einer klaren Strukturierung
des Lernangebotes verbunden hat, gilt dies nicht für das zeitlich parallel entwickelte Unterrichtskonzept von Jürgen Reichen. Sein „Lesen durch Schreiben“ basiert auf problematischen Annahnen und Behauptungen, die im siebten Kapitel herausgearbeitet werden. (S. 12)

Später heißt es:

Das Konzept „Lesen durch Schreiben“ von Jürgen Reichen wird zwar auch als „offene Unterrichtsmethode bezeichnet, als ein „lernwegs- oder „entwicklungsorientiertes“ Verfahren, gleichwohl gibt es zwischen ihm und den Vertretern des Spracherfahrungsansatzes klare Meinungsunterschiede. (S. 174f.)

Merkmale für den Unterricht im Spracherfahrungsansatz beschrieben die 4 Säulen des Anfangsunterrichts (Brinkmann/Brüggelmann).

  • Systematische Einführung von Schriftelementen
  • Gezielte Übungen zur Synthese der Buchstaben
  • Aufbau und Sicherung eines Grundwortschatzes
  • Freies Schreiben eigener Texte (mit der Anlauttabelle)

Man sieht schnell, dass es hier deutlichste Unterschiede im Aufbau und der Strukturierung des Unterrichts nach „Lesen durch Schreiben“ gibt. Das einzige verbindende Element ist das freie Schreiben mit der Anlauttabelle. Darüber hinaus ist verfolgt „Lesen durch Schreiben“ mit Sicherheit NICHT den Spracherfahrungsansatz.

Aber noch einmal zurück zu obigem Zitat aus dem Paper:

Die Rechtschreibleistungen von Grundschulkindern, die entweder mit einem systematischen Fibelansatz, dem freien Konzept Lesen durch Schreiben oder mit der Rechtschreibwerkstatt unterrichtet wurden, wurden analysiert, wobei letztere den Spracherfahrungsansatz verfolgen.

Da „Lesen durch Schreiben“ und die Rechtschreibwerkstatt deutlich schlechter als die Fibeln abgeschnitten haben, wird einerseits der Eindruck erweckt, dass auch der Spracherfahrungsansatz schlecht sei, andererseits wird durch den Satz aber auch impliziert, dass Fibeln dem Spracherfahrungsansatz nicht zuzurechnen seien.

Schründer-Lenzen schreibt jedoch, dass auch Fibellehrgänge Teile des Spracherfahrungsansatzes aufnehmen. Eine klare Trennung zwischen Spracherfahrungsansatz und Fibeln, wie sie die Studie vorzunehmen scheint, ist also gar nicht möglich. In der dem Buch von Schründer-Lenzen anhängenden Fibelsynopse wird deutlich, dass es einige mutmaßliche weit verbreitete Fibeln gibt (allen voran „Löwenzahn und Pusteblume“ und „Zebra“), die in Teilen am Spracherfahrungsansatz ausgerichtet sind. Ob diese Lehrwerke auch für die Fibelstudie noch als „Fibeln“ galten und somit mituntersucht wurden, wird leider aus dem Poster nicht deutlich.

Mangelnde Kenntnis über die die Stufen des Schriftspracherwerbs

In den verschiedensten Presseartikeln und den Diskussionen wird immer wieder das „Schreiben nach Gehör“ kritisiert. „Mein Fata fert Farat“ dürfe man ja so nicht stehen lassen. Es scheint wenig Kenntnis darüber zu geben, in welchen Stufen sich Rechtschreibentwicklung vollzieht und welche Schülerlösung auf welcher Stufe „in Ordnung“ ist, weil sie dem aktuellen Entwicklungsstand entspricht. Dabei gibt es unter Fachdidaktikern anerkannte Modelle, die die Entwicklungsphasen abbilden:

Phase mögliche Verschriftung
Protoalphabetische Phase Wasa, Boime
Alphabetische Phase Waser, Beume
Orthographische Phase Wasser, Bäume

Die Tabelle (vgl. Günther Thomé, ABC und andere Irrtümer) lässt sich noch in feiner Abstufungen untergliedern.

Zu den in den einzelnen Stufen auftretenden Fehlern schreibt Schründer-Lenzen:

Fehler, insbesondere auch Rechtschreibfehler, gelten im Konzept der Stufenmodelle nicht als Ausdruck eines Nicht-Könnens, sondern als Zeichen phasentypischer Zugriffsweisen auf Schrift. Orthographisch falsche Schreibungen signalisieren ein bestimmtes Fähigkeitsniveau in einem schriftsprachlichen Entwicklungskontinuum. Fehler sind deshalb auch als „diagnostische Fenster“ bezeichnet worden, denn sie geben Auskunft darüber, in welcher Phase des Schriftspracherwerbs ein Kind steht. (S. 66)

Gleichwohl führt Schründer-Lenzen aber an, dass es in letzter Zeit auch Kritik an den Stufenmodellen gibt:

Insofern kann es nicht verwundern, dass in der letzten Zeit die Kritik an den Stufenmodellen schärfer geworden ist (z.B: Enders 2007, Bredel u.a. 2011) und gerade auch für die Therapie von Lese-Rechtschwierigkeiten diese theoretischen Modelle nicht als sinnvolle Orientierung gesehen werden (Costard 2011, S. 70ff.). Insbesondere die späte Berücksichtigung des orthographisch korrekten Schreibens wird problematisiert, da es zunehmend Belege dafür gibt, dass ein früher Einbezug der Orthographie sich günstig auf den Schriftspracherwerb auswirkt. (S. 75)

In der zum zitierten Abschnitt gehörenden Fußnote heißt es

In den Fibellehrwerken wird dieser frühe Einbezug von Rechtschreibkenntnissen berücksichtigt.

Dies ist jedoch von Fibel zu Fibel sehr unterschiedlich. In manchen Fibellehrwerken spielt „Rechtschreibung“ zum Beispiel erst im zweiten Schuljahr eine Rolle. Und selbst dann werden nicht alle Rechtschreibphänomene auf einmal eingeführt, sondern auch sukzessive. Bis von Kindern erwartet werden kann, dass es Fahrrad richtig schreiben kann, ist es eben ein längerer Weg. Auch bei Fibeln werden Fehlschreibung im Rahmen freier Schreibanlässe solange toleriert, sofern sie alphabetisch orientiert sind, also das Lautprinzip der deutschen Sprache abbilden – oder anders gesagt: die differenzierbaren Phoneme mit dem jeweiligen Basisgraphem abgebildet werden.

Es  scheint demnach wenig hilfreich, alle Fibeln pauschal in einen Topf zu schmeißen, da sie sich im Zeitpunkt der Einführung der Rechtschreibung und der konzeptionellen Ausrichtung teils deutlich unterscheiden.

Der entscheidende Punkt ist aus meiner Sicht also nicht, ob Fehlschreibungen akzeptiert werden, sondern a) welche Fehlschreibungen akzeptiert werden und b) wie lange sie akzeptiert werden. Ferner kommt es natürlich dann auch darauf an, welches Folgekonzept an eine Fibel anschließt, denn die Fibel deckt in der Regel nur den Unterricht des ersten Schuljahres ab. Auch hierzu macht das Paper der Fibelstudie leider noch keine Angaben.

Ein erstes Fazit?

Mit Blick auf die Fibelstudie gefällt mir folgender Satz von Schründer-Lenzen noch fast am Besten, mit dem ich an dieser Stelle schließen möchte:

Mehr noch, man ist sich eigentlich einig darin, dass es weniger auf die Frage „mit oder ohne Fibel“ ankommt, als vielmehr auf die konkreten Unterrichtsprozesse
und die Qualität des Unterrichtsmaterials. (S. 232)

 

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3 Antworten

  1. Valessa sagt:

    Auch von mir: DANKE!

    Und von den wahren Punkten, die du ansprichst mal ab, jetzt mal so ganz platt gefragt:
    Wie wird sowas eigentlich untersucht? Wo findet man genügend Kinder/Klassen (damit es repräsentativ ist), die AUSSCHLIESSLICH Reichen gemacht haben oder AUSSCHLIESSLICH nach der Rechtschreibwerkstatt gearbeitet haben? Also KOMPLETT OHNE den Einfluss einer anderen Methode. Gibt’s das überhaupt noch? Allein das ist mir an der ganzen Sache schon ein Rätsel. Oder bin ich da in meinem kleinen Universum gefangen und zu blauäugig?

    LG *valessa

    • Herrn Emrich sagt:

      Wenn die Studie irgendwann veröffentlicht ist, kann man die Auswahl bestimmt besser einschätzen. Ich kann mir nur schwerlich vorstellen, dass es noch viele Reichen-Klassen gibt, in denen „die reine Leere“ angewendet wird. Dort wird bestimmt auch „zugearbeitet“, so dass man vielleicht eher einen schlecht gemachten Spracherfahrungsansatz hat.
      Die Rechtschreibwerkstatt nach Sommer-Stumpenhorst ist in der Bonner Region jedoch sehr weit verbreitet, weil die Schulaufsicht diese Methode Anfang der 00er-Jahre stark gepusht hat.

      LG
      Florian

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