Die Qual der Wahl: Dienstgeräte

Die vergangenen 4 Monaten waren in Bezug auf „Lernen in Zeiten der Digitalisierung“ ein echter Gamechanger. Und so wie es aussieht, ist der Change-Prozess noch lange nicht beendet. Das Land NRW hat (als erstes Bundesland?) beschlossen, dass jede*r Lehrer*in ein digitales Endgerät gestellt bekommt. Für die Anschaffung stehen pro Lehrkraft 500€ bereit (Quelle: https://www.schulministerium.nrw.de/docs/bp/Ministerium/Presse/Pressemitteilungen/2020_17_LegPer/PM20200629_Digitalisierung/Kontext/200629_Faktenblatt_Ausstattungsoffensive_final.pdf).

Es fehlen freilich noch zahlreiche Details zu dieser Ausstattungsoffensive: Werden die Geräte zentral beschafft (also quasi ein Logineo-PC)? Werden Rahmenverträge ausgehandelt, um besonders günstige Konditionen zu erhalten? Oder geht das Geld direkt an den Schulträger, der dann beschafft, was gut zu warten ist? Oder kann jede Lehrkraft selbst entscheiden, was sie haben möchte? Wünschenswert wäre es natürlich, wenn diese Details zeitnah geklärt werden, damit man direkt nach den Ferien mit den Geräten starten kann – bis zu den nächsten Schulschließungen ist nach den Ferien bestimmt nicht weit. Aber es sind eben Ferien – und damit viele Entscheidungsträger auf schulischer und kommunaler Ebene nicht verfügbar.

In einer Diskussion auf Twitter, die ich am vergangenen Wochenende angestoßen habe, gab es zahlreiche Rückmeldungen zur der Frage, wie das zu erwartende Geld investiert werden könnte. Oft wurde bemängelt, dass 500€ bei weitem nicht ausreichen würden, um Lehrkräfte mit einem professionellen, digitalen Arbeitsgerät auszustatten. Dem kann man durchaus zustimmen – für 500€ bekommt man allenfalls ein Einsteigernotebook. Aber dass sich in diesem Bereich überhaupt etwas bewegt ist sehr erfreulich. Aber fangen wir einmal vorne an.

Digitale Endgeräte und deren Verwendung

In der Vor-Coronazeit benutzte die durchschnittliche Lehrer*in als digitales Endgerät in der Regel einen Computer bzw. Laptop. Damit wurden Arbeitsblätter erstellt, Mails empfangen und versendet, Klausuren konzipiert und vielleicht auch die ein oder andere Liste digital gepflegt. Natürlich gibt es hier Ausreißer nach oben, die verschiedene Gerätearten verwendet haben, um damit weit mehr zu tun – und Ausreißer nach unten, die den PC maximal für die Zeugnisse angeschmissen haben – aber ich rede ja hier von einer fiktiven Durchschnittslehrkraft. Dies ist keinesfalls wertend gemeint, sondern meine Wahrnehmung, die ich aus Gesprächen mit vielen Kolleg*innen (die nicht zur „digitalen Elite“ gehören) gewinnen konnte.

Durch die Änderungen im Schulalltag, die im Zuge der Coronapandemie notwendig wurden, hat sich auch auch die Nutzung von digitalen Endgeräten geändert – bzw. wird sich ändern müssen. Besonders die Kommunikation mit digitalen Endgeräten bekam bzw. bekommt einen deutlich höheren Stellenwert. Nicht nur E-Mails werden vermehrt geschrieben, sondern Unterhaltungen über (sichere) Messengerdienste geführt und Videotelefonate bzw. Videokonferenz durchgeführt. Unterricht findet nicht mehr nur im Klassenzimmer, sondern phasenweise auch von zu Hause und wird dabei durch Lern-Management-Systeme unterstützt – zum Beispiel des neue Logineo LMS. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt auf, welche Szenarien im kommenden Schuljahr 2020/2021 zu erwarten sind – und welche großen Stellenwert Lernen und Lehren mit digitalen Endgeräten dort haben wird.

Viele der „neuen“ Aufgaben und Tätigkeiten einer Lehrer*in erfordern ein digitales Endgerät – aber nicht zwingend einen Computer. Die Nutzung von Messengerdiensten oder Videokonferenztools ist mit einem Smartphone oder Tablet oftmals einfacher oder funktionsreicher. Zwar kann ich beispielsweise einige Messengerdienste auch im Browser nutzen – Push-Benachrichtung über neue Mitteilung trotz ausgeschaltetem Display erhalte ich aber in der Regel nur auf Smartphones oder Tablets.

Wenn Unterricht digital-asynchron mit Hilfe eines LMS durchgeführt wird, werden Lehrkräfte zukünftig verstärkt „digitale Präsentationen“ anfertigen müssen – Erklärvideos etc. müssen produziert werden. Dies geht natürlich auch mit einem PC bzw. Notebook – mit einem Tablet und Stifteingabe aber oftmals ungleich einfacher und intuitiver. „Das schnelle Erklärvideo zwischendurch“ erstelle ich selbst inzwischen oft mit dem iPad mit Hilfe von iMovie, Stop-Motion-Studio, Keynote oder Vittle Whiteboard.

Ein weiterer Punkt, der oftmals untergeht: die Arbeitsergebnisse der Schüler*innen verdienen immer ein Feedback (formativ oder summativ), um den Lernprozess zu unterstützen. Mit Hilfe eines Tablets mit Stifteingabe kann ich in die von Schüler*innen digital übermittelten Fotos von Arbeitsergebnissen der Schüler*innen „reinschreiben“ und so Feedback zum Ergebnis auch über die Distanz an die Schülerinnen schicken. Lernen auf Distanz ist schließlich keine Einbahnstraße, auf der die Lehrperson mit Hilfe einer „PDF-Schleuder“ Arbeitsblätter verteilt. Es müssen Wege gefunden und genutzt werden, wie das Lernen der Schüler*innen mit Methoden des formativen Feedbacks unterstützt werden kann.

Es gibt also durchaus viele neue Aufgaben für Lehrer*innen die sich (auch) mit einem Tablet erledigen lassen – und das vielleicht sogar deutlich effektiver als mit einem herkömmlichen PC. Und dabei habe ich mich bisher nur auf den Unterricht konzentriert. Auch in der Kollaboration mit den Kolleg*innen hat sich durch Corona sehr viel verändert.

Tablet, Convertible, Detachable

Nun ist das Tablet nicht das einzige Gerät, dass sich mit Hilfe eines Stiftes bedienen lässt. Convertibles (ein Notebook, bei dem sich die Tastatur komplett bis zum Rücken des Bildschirms drehen lässt) und Detachables (dort kann man die Tastatur komplett demontieren) lassen auch oft Stifteingaben zu (z.B. bei den Geräten der Surface-Serie von Microsoft). Das Problem: diese Geräte sind – so man sie denn in einer vernünftigen Ausstattungslinien bekommen möchte – deutlich teurer als 500€. Selbst das günstigste Surface-Gerät schöpft mit 459€ den Kostenrahmen fast vollständig aus – verfügt dann aber über keine Tastatur und keinen Stift. Hierfür werden weitere 220€ fällig. Und als vollwertiges Windowsgerät dürfte die Perfomance aufgrund des langsamen Prozessors und des schmalen Arbeitsspeichers eher bescheiden sein.

Die Geräteklasse der Convertibles und Detachables könnte zwar eine echte Alternative zum Tablet sein – aber nicht für 500€. In diesem Fall müssten pro Gerät rund 1000€ eingeplant werden.

Auch in einer (sehr begrenzten) Umfrage (die zudem sachlich nicht ganz richtig war, weil ein Surface kein Convertible ist) zeigte sich, dass das iPad bei der Beschaffung in der „Filterblase #Twitterlehrerzimmer“ klarer Favorit ist:

In der Diskussion bei Twitter kam dann die Idee auf, dass jede Lehrkraft ja den Betrag von 500€ freiwillig aufstocken könnte, damit sie sich dann ein ordentliches Gerät kaufen kann. Hier bin ich allerdings sehr skeptisch. Ich gehe davon aus, dass die Geräte schulgebunden sein werden und nur an die Lehrkraft verliehen werden. Sobald die Lehrkraft die Schule verlässt (aus welchem Grund auch immer), wird sie das digitale Endgerät an der Schule lassen müssen. Bei einem mischfinanzierten Gerät wird es dabei sehr wahrscheinlich zu Problemen kommen.

Es braucht mehr als ein Gerät

Meine eigene Arbeitsweise hat sich in den letzten Jahren immer wieder gewandelt. Aber inzwischen kann ich sagen: Um gut arbeiten zu können, brauche ich mehr als ein Gerät. Ich brauche ein Tablet UND einen PC/Laptop. Jedes Gerät hat in bestimmten Bereichen seine ganz klaren Stärken, auf die ich auch nicht verzichten möchte.

Insofern ist die Formulierung im Faktenpapier des Landes bewusst offen gewählt:

Das Land startet eine neue, umfangreiche Ausstattungsoffensive und wird alle Lehrerinnen und Lehrer an öffentlichen Schulen und Ersatzschulen im Land mit digitalen Endgeräten ausstatten.

https://www.schulministerium.nrw.de/docs/bp/Ministerium/Presse/Pressemitteilungen/2020_17_LegPer/PM20200629_Digitalisierung/Kontext/200629_Faktenblatt_Ausstattungsoffensive_final.pdf

Es geht also bei der Anschaffung des digitalen Endgeräts aus meiner Sicht nicht zwingend um den Dienstcomputer, mit dem ich alles machen kann, sondern um ein digitales Endgerät, das mich in einigen meiner Aufgaben unterstützt.

Mein Tipp

Meine Hoffnung ist, dass die Förderung direkt an die Schulträger fließt und diese ihre Schulen mit ins Boot holen, wenn es um die Ausstattung mit digitalen Endgeräten für die Lehrkräfte geht. Als Kollegium sollte man dann einen Plan entwerfen:

  • Wie wollen wir im Schuljahr 2020/2021 (und in der Folge) unterrichten
  • Wie agieren wir, wenn die Schulen (zeitweise) wieder geschlossen werden? Welche Plattformen und Dienste setzen wir ein?
  • Welche Qualitätskriterien wollen wir uns an die Bereitstellung von Lernaufgaben für das Lernen aus der Distanz wollen wir uns setzen?
  • Welche Formen der Unterstützung wollen wir den Schüler*innen zukommen lassen?
  • Welche Formen des Feedbacks wollen wir nutzen?
  • Welche Anwendungsfälle für den Einsatz von digitalen Endgeräten ergeben sich daraus?
  • Welche Funktionen muss ein digitales Endgerät dann haben?
  • Welche Geräteklasse ist für welchen Anwendungsfall besonders gut geeignet?
  • Welche weiteren Anforderungen haben wir an ein Dienstgerät?
  • Welche weiteren Aufgaben wollen wir damit (unbedingt) erledigen können?
  • Welche Geräte besitzen die Kolleginnen und Kollegen bereits zu Hause und nutzen sie zur Zeit schon?
  • Nach Rücksprache mit dem Schulträger: Welche Einschränkungen in der Nutzbarkeit ergeben sich ggf. durch die zentrale Verwaltung der Geräte?

Weitere Ideen für die Checkliste können gerne in den Kommentaren gepostet werden. Ich werde aktuelle Entwicklungen zu diesem Thema in den Kommentaren posten.

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Eine Antwort

  1. Dominik sagt:

    Bei der Auswahl der Geräte erscheint mir auch der Aufwand des Supports nicht zu vernachlässigen. Geräte helfen ja nur dann, wenn die Schulen auch Inbetriebnahme und Betrieb stemmen können. Bislang hat die Landesregierung ja keinerlei Informationen dazu rausgegeben, wer für den IT-Support zuständig sein wird. Es ist leider davon auszugehen, dass das dann doch wieder bei den Schulen hängen bleibt. Umso wichtiger wäre daher möglichst leicht wartbare Systeme: iPads lassen sich ja zum Beispiel per MDM relativ leicht zentral einrichten und warten. Bei Windows-PCs ist das schon ein bisschen komplizierter.

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