Von Jugendwörtern und zeitgemäßem Unterricht

Mit etwas Belustigung habe ich in den vergangenen Tagen die Wahl zum Jugendwort 2016 wahrgenommen. Eigentlich ist es ja ziemlich egal, ob nun der Tintling am fly ist oder ein Googleschreiber eine Vollpfostenantenne und einen Hopfensmoothie in der Hand hält. Heute fühlte ich mich jedoch jäh an eines der zur Auswahl stehenden Wörter erinnert: Internetausdrucker.

Ja, auch ich bin ein Internetausdrucker und ich erziehe gerade 27 unschuldige Wesen zu ebensolchen Internetausdruckern. Und ich schäme mich dafür, doch eigentlich kann ich auch wiederum nichts dafür. Ich möchte doch nur (einigermaßen) zeitgemäßen Unterricht machen und die Vorgaben des Lehrplans (einigermaßen) umsetzen. Mit dem, was mir so zur Verfügung gestellt wird.

In der Praxis möchte ich die Kinder dazu anleiten, ein Lernportfolio/Forscherheft zum Thema „Römer“ zu erarbeiten. Teils gemeinsam, teils individuell. Dafür braucht man natürlich Quellen. Die Kinder haben eifrig Bücher mitgebracht, aber auf 27 Stück komme ich natürlich nicht. Bei 27 Kindern und individueller Arbeit bräuchte ich dieser aber annähernd. Zum Glück gibt es ja das Internet mit vielen tollen Seiten (z.B. die wunderbare Seite kinderzeitmaschine.de). Und ich kann sogar zeitweise den Medienraum unserer Schule „buchen“ und dort mit den Kindern arbeiten. Da er als Multifunktionsraum angelegt ist, kann man dort sowohl digital als auch analog arbeiten und „echt was schaffen“. Aber das geht leider nicht in allen Stunden. Was machen also die Kinder? Sie drucken Internetseiten aus, um sie auch in den anderen Stunden als Quelle zu nutzen. Sie werden zu astreinen Internetausdruckern.

Dabei könnte es so einfach sein: 10 Tablets in die Klasse, WLAN mit einigermaßen flotter Verbindung dabei und schon könnten die Kinder das Internet als Quelle genau dann nutzen, wenn sie es brauchen. Wenn sie merken, dass sie mehr Informationen brauchen, dann könnten sie genau zu diesem Zeitpunkt danach suchen und müssten nicht darauf warten, bis sie zu Hause wieder das Internet ausdrucken können. Und es wird noch verrückter: die Kinder könnten sogar Videos und Podcasts als Wissensquelle nutzen und diese für ihr Portfolio nutzen. Videos lassen sich halt wahnsinnig schlecht ausdrucken.

Und so ganz nebenbei würden die Kinder vermutlich wesentlich mehr Medienkompetenz erwerben, als wenn sie alle Papier-und-Bleistift-Arbeitshefte der großen Verlage durchgearbeitet hätten. Sie würden die Qualität von Quellen vergleichen, Suchstrategien entwickeln, Hypertexte lesen (und hoffentlich verstehen) und könnten eben genau die Geräte für sinnvolle Tätigkeiten nutzen, mit denen sie ja (angeblich) zu Hause nur spielen.

Aber solange „da oben“ niemand auf die Idee kommt, Schulen (und vor allem auch Grundschulen) endlich einmal zeitgemäß auszustatten, solange züchten wir einfach die nächste Generation von Internetausdruckern heran.

Kommentare (4) Schreibe einen Kommentar

  1. Ohne vorher zu wissen, was das ist, habe ich jetzt gelernt, dass als „Internetausdrucker“ Politikerinnen und Politiker bezeichnet wurden/werden, die selbst nicht in der Lage dazu sind, ihren Computer zu bedienen und daher ihre Mitarbeiter mit dem Ausdrucken von Informationen aus dem Internet beauftragen, die diese Politikerinnen und Politiker dann vielleicht noch selbst lesen, bevor sie die erhaltenen Informationen selbst verwenden.

    Das passt hier also nicht. Wenn sich die Kiddis ihre Informationen aus dem Internet ausdrucken, mag das zwar des Papierverbrauches wegen problematisch sein. Allerdings ist es ja nicht so, dass eine flächendeckende Ausstattung mit elektronischen Geräten nicht den Energieverbrauch steigern würde.

    Um ehrlich zu sein sehe ich die Fokussierung auf eine „Kompetenz“ im Umgang mit elektronischen Geräten zum Abruf und der Strukturierung von Informationen – gerade im Kindesalter, aber eigentlich stets – recht problematisch.

    Zunächst ist auch das Papier ein Medium, was hier allerdings scheinbar auch nicht bezweifelt wird. Denn der Umgang mit Tablets etc. soll ja die „Medienkompetenz“ steigern. Der Umgang damit – das Sortieren, das Begreifen, das Markieren, das Bemalen, das Papier zum Eigenen machen – das fördert m.E. ganz viele Kompetenzen, die das der Stofflichkeit enthobene Gegenstück der digital repräsentierten Informationen nicht leisten kann.

    Aber gut, die Diskussion hier aufzumachen würde zu weit führen.

    Ich würde hier in der Kürze lediglich sagen: Kinder haben kaum eine Chance zu „Internetausdruckern“ zu werden, da braucht mensch sich keine Sorgen zu machen. Es wird ihnen schwerer fallen sich abzugrenzen davon, als ihre kleinen Köpfchen sich ganz und gar von den „elektronischen Medien“ verdrehen zu lassen.

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    • Herrn Emrich

      Ich habe mich bzgl. des Wortes auf das wörtliche Verständnis des Begriffs „Internetausdrucker“ bezogen, welches auch auf der verlinkten Seite als Erklärung gegeben wird. Sie haben recht, dass die von Ihnen skizzierte Bedeutung – welche auch mir nicht bekannt war – hier nicht passt.
      Es ging mir auch nicht um die Engergiebilanz, sondern um die Art und Weise, wie digital angebotene Informationen hier verarbeitet werden (müssen). Natürlich ist Papier auch ein Medium und natürlich muss auch hier eine Kompetenz gefördert werden, dessen Informationen zu verarbeiten und nutzbar zu machen. Aber Informationen sind eben auch auf digitalen Medien verfügbar. Da ist es natürlich ein Weg, diese Informationen (so gut es geht) auf ein analoges zu transferieren und dann mit diesem Medium weiterzuarbeiten. Es gibt aber auch Wege, diese Schritte, die von Ihnen beschrieben werden, auf digitaler Ebene zu bewerkstelligen. Und meiner Ansicht nach sollte jeder Schüler zumindest die Möglichkeit haben, beide Wege zu erproben/erlernen, um dann zu entscheiden, welcher Weg individuell am besten passt.

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  2. Lieber Herr Emrich,
    auch ich unterschreibe sofort deinen „Artikel“.
    Ich habe dank netten Spendern ein Tablett und einen „ausrangierten“ aber tollen Laptop im Klassenzimmer. Den Wlan hab ich mir selbst „gelegt“ – dank Steckdose.
    Das IT Unternehmen der Stadt wollte eine seeehr teure Verbindung legen – ich machs für wenig Geld über die Steckdose ………
    Und genauso wie oben beschrieben arbeiten meine Schüler der Familienklasse (übrigens Montessori 😉 sehr effektiv!!!!!

    Herzliche Grüße Andrea aus dem Schwarzwald

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