Über die Handschrift getwittert

Gestern abend war es einmal wieder so weit: die Gemeinde der twitternden (Schul-)Pädagogen traf sich zum alldienstäglichen Twitter-Chat, dem #EdChatDE. Während hier sonst gerne einmal Themen aus dem Dunstkreis der „Neuen Medien“ diskutiert werden, stand diesmal das Thema „Handschrift“ auf der Tagesordnung. Dies bewog mich dann doch noch einmal dazu dem Chat live zu folgen, immerhin ein Thema das auch stark in der Grundschule verankert ist, immerhin lernen die lieben Kleinen ja „bei uns“ das Schreiben. Doch wie @frandevol im Nachgang des Chats so treffend formulierte, bot der Chat auch Gelegenheit, sich über die halbgaren Äußerungen im Chat zu echauffieren, wenn es um „Lesen durch Schreiben“ und die Grundschrift ging. Die Sau der Rechtschreibkatastrophe wird ja schon seit einiger Zeit durch das Pressedorf getrieben, oftmals auch begleit vom Grundschrift-Ferkelchen. Da durften diese beiden Gesellen natürlich auch im EDChatDE nicht fehlen.

Nun ist es mitnichten so, dass ich glühender Verfechter von Jürgen Reichen bin und auch (noch?) kein Verfechter der Grundschrift. Was mich vielmehr erregte war die Art der Diskussionsführung: das Vertauschen/Vermischen von Begrifflichkeiten, die (u.U. unreflektierte) Wiedergabe von Zeitungsparolen und der abschätzige Tonfall, mit dem teilweise über die Arbeit der Grundschulen geschrieben wurde. Die bösen, unbelehrbaren Grundschulen verhunzen die Kinder mit ihrem Reichen-Sch*** und dem Grundschrift-M*** und wir am Gymnasium dürfen es dann ausbaden. Dabei steht es doch schon lange in der FAZ und dem Spiegel, wie es richtig geht. Das würde natürlich wörtlich nicht so gesagt, war aber zwischen den Zeilen zu erkennen.

Wenn in der Presse mit diesem Grundtenor geschrieben wird, dann kann ich das noch gut verkraften, denn von der Presse erwartet man es irgendwie auch nicht anders.Lehrer- und Schulbashing ist ja irgendwie hipp, vor allem in der Grundschule. Grundschullehrer kann ja irgendwie jeder. Wenn sich aber Kollegen noch nicht einmal die Mühe machen, sich selbst ein Bild zu machen und sich über die Hintergründe zu informieren (Ich sehe in der 5. Klasse das Resultat. Das langt dann schon.), dann finde ich das schon … schwieriger.

Aber der Reihe nach:

Begriffliche Klarheit

Am meisten vermisse ich in den ewigen Diskussion (um die Rechtschreibung) die begriffliche Klarheit. Leider wird Anlauttabelle zu oft mit Lesen durch Schreiben und Jürgen Reichen gleichgesetzt. Es gibt aber noch weit mehr Modelle des Anfangsunterrichts, die die Anlauttabelle als Werkzeug des Schriftspracherwerbs nutzen. Natürlich spielt die Anlauttabelle bei Jürgen Reichen eine elementare Rolle, aber darum macht noch lange nicht jede Grundschule, die den Kindern in Klasse 1 eine Anlauttabelle in die Hand gibt, Lesen durch Schreiben. Aus meiner Sicht wesentlich populärer ist der Spracherfahrungsansatz nach Hans Brüggelmann. Auch dort schreiben die Kinder zu Beginn „frei“ mit Anlauttabelle, allerdings ist dort auch die Arbeit mit einem Grundwortschatz und die Aufarbeitung orthografischer Muster auch (von Beginn an) fest verankert. Auch die synthetisch-analytische Einführung von Schrift ist eine Säule des Spracherfahrungsansatzes. Und das stellt einen großen, entscheidenden Unterschied zu Lesen durch Schreiben dar. Doch leider wird das wohl leider übersehen. Da reicht scheinbar schon die Erwähnung der Anlauttabelle zu der Erkenntnis, dass der Unterricht Murks gewesen sein muss.

Überhaupt: Die Anlauttabelle spielt vielleicht im ersten (halben) Jahr eine Rolle für die Kinder. Interessanter ist doch die Frage, was kommt danach. Ab wann werden welche Verbesserungen vorgenommen, ab wann setzt der eigentliche Rechtschreibunterricht ein und mit welchen Methoden wird dieser durchgeführt. Was passiert also in Klasse 2-4? Oder wird hier ernsthaft unterstellt, dass die Kinder pünktlich zur Einschulung in Klasse 5 die Anlauttabelle aus dem Ranzen räumen? Wenn ich also mit den Rechtschreibleistungen der Fünftklässler unzufrieden bin (und das sind die Kollegen aus dem EdChatDE offenkundig), dann sollte ich nicht nach der Methodik des Anfangsunterrichts fragen, sondern nach dem, was zwischen Klasse 1 und Klasse 5 passiert ist.

Einblick nehmen

Wenn in einer Fachdiskussion unter Kollegen Argumente mit Artikeln aus Spiegel, FAZ und Co argumentiert wird, dann eröffnet das bei mir die Frage, ob sich die betreffenden Kollegen überhaupt selbst ein Bild gemacht haben, sich mit Theorie und Praxis der einzelnen Methoden vertraut gemacht haben und evtl. sogar aktuelle, fachwissenschaftliche Artikel zu dem Thema gelesen haben? Die mitunter schlecht recherchierten Artikel aus den Hochglanzmagazinen taugen aus meiner Sicht für ein differenziertes Meinungsbild nicht wirklich. Zur Stimmungsmache sind sie jedoch super. Dabei gibt es ja sogar aktuelle (Meta-)Studien zu Lesen durch Schreiben, die den Nachteil von LdS zumindest infrage stellen.

Mit der konkreten Einblicknahme wären dann vermutlich auch die Begriffe klar. Dann würde deutlich werden, dass es neben (nennen wir es) Hardcore-LdS, was vermutlich an den wenigsten Schulen durchgeführt wird, eben viele andere Konzeptionen gibt (Spracherfahrungsansatz, Rechtschreibwerkstatt nach Sommer-Stumpenhorst usw.). Es würde deutlich werden, dass das freie Schreiben mit Anlauttabelle nur ein Teil des Anfangsunterrichts ist. Es würde deutlich werden, dass das „Schreib wie du sprichst/es hörst“ ein wichtiger Schritt im Entwicklungsmodell von Valtin ist, die ja gerne damit zitiert wird, dass LdS verboten werden sollte. Lesen durch Schreiben wohlgemerkt, nicht die Anlauttabelle.

Aber bei mir ist das so

Besonders gerne lese ich dann auch Argumentationen, dass man es ja selbst jeden Tag sehen würde, wie schlecht Kindern im Fünften Schuljahr rechtschreiben würden und diese Kinder ja alle irgendwann einmal mit Anlauttabelle gelernt haben, muss diese eben die Wurzel allen Übels sein. Das ist ebensowenig hilfreich wie Aussagen, dass man selbst LdS mache und die Kinder alle toll schreiben würden. Beides sind Einzelerfahrungen ohne empirische Aussagekraft. Zudem weisen sie allenfalls auf eine Korrelation hin und keinesfalls auf Ursache und Wirkung.

Anfangsunterricht vs. Rechtschreibunterricht

Ich möchte keinesfalls bestreiten, dass es Defizite in der Rechtschreibleistung von abgehenden Viertklässlern geben mag. Die Gründe jedoch in einer kleinen Pappscheibe mit Bildchen und Buchstaben zu suchen, greift doch etwas kurz. Ich wage die These, dass die Gründe im Rechtschreibunterricht zu suchen sind, der vielleicht zu spät beginnt, der vielleicht falsche Methoden oder evtl. gar keine Methoden verwendet, der vielleicht von Lehrkräften erteilt wird, denen es selbst an Fachwissen fehlt oder der strukturlos ist und nicht bei den Lernschwierigkeiten der Kinder ansetzt. Vermutlich ist es eine Kombination aus vielem davon … auf jeden Fall wird es nicht so eindimensional sein, wie es gestern behauptet wurde.

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  1. „… nicht so eindimensional… “ Das ist auch mein Mantra zu dem Thema. Und da plädiere ich dringend dafür, weiter zu schauen als auf einzelne Lehrer und ihre Kompetenz. Die ist wichtig, das muss mir kein Hattie erzählen, aber glaubt auch nur eine/r im Ernst, dass in den 30er, 40er, 50er … Jahren nur begnadete Pädagogen am Werk waren, die landauf, landab schnurrend funktionierende Bürger aus ihren Schulen entließen, die obendrein allesamt sichere Rechtschreiber waren? Und wenn es den mehr waren, die schnurrend funktionierten (ich wünschte es mir oft in meinem bunten Klassenraum), was erfuhren und lernten die Schüler von damals alles nicht, verglichen mit heute? Damals wie heute formten sich aus multiplen Einflüssen Phänomene, die aus Sicht der jeweiligen Zeitgenossen einen Rückschritt bildeten zu dem, was bekannt und gewohnt war. (Dass die eigene goldene Vergangenheit aus Sicht der noch Älteren ähnlich düster aussah, wird dabei gerne ausgeblendet.) Was bleibt von dieser Diskussion? Jedes pädagogische Handeln muss stetig ausgewertet, variiert, den Bedingungen angepasst werden. Einfache Schuldzuweisungen sind verständlich, aber meist unfair. Eine Bitte an alle Sek-Kollleginnen: Denkt mal an jene Schüler, die ihr nach an einem arbeitsreichen Jahr an Kollegen weitergereicht habt und bei denen doch ein ungutes Gefühl im Bauch blieb: Haben sie wirklich das Rüstzeug bekommen, das sie brauchen? Nein, manche nicht. Dass dies so sein kann, fällt gerade Menschen schwer zu verstehen, die Schulprobleme nie selbst erlebt haben und deshalb gerne Lehrer wurden. Und wenn sie dann erstmals auf Problemkinder treffen, dann müssen Erklärungen her. Die finden sich in den Methoden des Anfangsunterrichts ebenso wie beim goldenen Kalb Schreibschrift. Bei mir auf dem Lande dürfen alle, die keine graphomotorischen Probleme haben, gerne Schreibschrift lernen. (Wollen die meisten auch.) Aber ich bin ebenso froh, dass ich dem Drittel, das im Kampf mit der Vereinfachten Ausgangsschrift am funktionalen Gebrauch der Schriftsprache gehindert wird, die Grundschrift anbieten kann.

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