Über den Wert von Schreibkonferenzen

In den letzten Tagen habe ich mir (wieder einmal) Gedanken über Schreibkonferenzen gemacht. Eigentlich gehe ich davon, dass diese Methode zur Förderung des Schreibprozess allgemein bekannt ist. Einen guten Einstieg böte die Zusammenfassung von Beate Leßmann, die zudem noch die Autorenrunde und die Schreibberatung unterscheidet. Wenn ich an meine Seminarzeit zurückdenke, waren Schreibkonferenzen dort (mehr oder weniger) ein Muss, wenn man einen Schreibanlass durchführen wollte. Es ist (rein vom Ablauf) ja auch logisch: Kinder sind nie alle zur gleichen Zeit fertig mit ihren Schreibprodukten und die einzelnen Lehrkraft wird kaum ad hoc Rückmeldung zu 28 Textentwürfen geben können. Schon allein aus diesem Grund ist ein offenes Schreibende mit Schreibkonferenzen „praktisch“.

Gefühlt hatte ich aber schon lange den Eindruck, dass bei Schreibkonferenzen nicht viel rumkommt, die Textqualität sich kaum noch steigert und langfristig das Lehrerfeedback deutlich effektiver ist. Vor gut 2 Jahren wurden mein Eindruck bestätigt, als ich eine Meta-Studie von Graham, McKeown et al. in einem Buch von Maik Philipp fand. Dort wurden verschiedene Förderansätze des Schreibunterrichts empirisch untersucht. Schüler-Feedback schnitt dort von der Effektstärke recht schwach ab (d=0,37), in jüngeren Jahrgängen noch schwächer als in in Klasse 5 und 6. Vermutlich ist dies auch gar nicht besonders verwunderlich: ein Schüler, dem es selbst noch schwer fällt bestimmte Qualitätskriterien in seinen eigenen Texten umzusetzen, wird wohl eher nicht in der Lage sein, Mängel bzgl. dieser Kriterien in fremden Texten zu erkennen und sogar noch Verbesserungstipps zu nennen. Somit würde eine Schreibkonferenz dieser Überlegung folgend vor allem dann effektiv sein, wenn ein schwacher Schüler mit starken Schülern zusammenarbeitet. Hier könnte jedoch noch der Dunning-Kruger-Effekt eine Rolle spielen (dieser Effekt wird meines Empfindens nach sowieso zu wenig mit Grundschulunterricht in Verbindung gebracht. Für differenzierte Klassenarbeiten oder offene Unterrichtsszenarien könnte er aber durchaus beachtenswert sein, wie dieser Artikel deutlich macht.): Dunning-Kruger in Kurzform:

Schwache Schülerinnen und Schüler neigen dazu

  • ihre eigene Fähigkeit zu überschätzen,
  • überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht zu erkennen,
  • das Ausmaß der eigenen Inkompetenz nicht zu erkennen.

Der Schüler müsste also erst einmal erkennen, dass sein Text nicht gut ist, dass die Fähigkeiten der anderen Mitschüler aus seiner Schreibkonferenzgruppe den seinen überlegen sind und dass es daher ratsam ist, diese Tipps umzusetzen.

Eine weitere Stolperstelle in der Schreibkonferenz könnten zudem Freundschaften sein. Meinem Freund/Kumpel werde ich natürlich nicht (so deutlich) auf Schwachpunkte im Text hinweisen, sondern eher für das Gelungene loben. Das ist natürlich auch richtig und wichtig, wird aber die Qualität des Textes nicht steigern. Hierzu habe ich jedoch noch keine Studie entdeckt, sondern nur eigene Überlegungen und Beobachtungen angestellt.

Zu einer weiteren Stolperstelle habe ich just heute ein kleines Hilfsmittel erprobt: Schreibkonferenzen werden im besten Fall auf Grundlage von vorher vereinbarten Kriterien durchgeführt. In meinem Unterricht sind dies meist eine handvoll sprachlicher Kriterien, die bei (fast) jeder Textsorte gültig sind und zudem noch eine weitere handvoll Kriterien, die textsortenspezifische Gestaltungskriterien in den Blick nehmen. Die Anzahl der zu beobachtenden Kritieren in der Konferenz ist dann natürlich recht hoch. Daher habe ich heute probiert, mit Rollenkärtchen die Fokussierung auf bestimmte Kriterien zu steuern:

Textdetektive

In einer ersten Rückmeldungen empfanden einige Schüler die Karten als hilfreich, weil man nun genauer wusste, worauf man sich konzentrieren muss, anderen Schüler wiederum fühlten sich zu sehr eingeschränkt in der Rückmeldung und wollen lieber ohne Rollenkarte arbeiten. Ich werde diese Möglichkeit aber weiter im Auge behalten, um die (von mir wenig geliebten) Schreibkonferenzen ein wenig effektiver zu gestalten.

Was sind eure Erfahrungen mit Schreibkonferenzen? Tipps und Kniffe für die Durchführung?

Kommentare (9) Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Herr Emrich,
    danke für diesen Artikel. Ich selbst verzichte weitgehend auf Schreibkonferenzen bei freien Texten, weil ich sie als kaum gewinnbringend verglichen mit dem Zeitafuwand empfinde. Bei Texten, die eine Kontrollmöglichkeit bieten (also zum Beispiel ein Raster zum Ankreuzen, wie es auch zur Beurteilung durch die Lehrkraft verwendet werden kann), ist das noch am ehesten sinnvoll – so wie bei den sehr konkreten Kriterien bei einem Brief. Meist aber bieten sich Partnerkontrollen eher bei gebundeneren Texten an wie „Übersetzungen“ in eine andere Zeitform oder sowas.
    Liebe Grüße,
    Katha

    Antworten

  2. Ich habe lange auch mit der Schreibkonferenz gekämpft. Es war irgendwie so ein „Muss-man-halt-machen“ und wenn alle anderen Parallelkollegen es so toll finden, dann mach ich das halt auch. Gewinnbringend fand ich es auch nicht so wirklich. Eine Stolperstelle war bzw. ist dabei auch immer wieder, wenn man Übungsaufsätze zuhause schreiben lässt, dass es immer Pappenheimer gibt, die es nicht gemacht haben und dann „nur“ Zuhörer/Kritiker (vielleicht auch im positiven Sinn) der Schreibkonferenz sind. Ich habe Anfang des Schuljahres Kärtchen für 3 verschiedene Experten erstellt (finden sich auf meinem Blog), die ich den Kids an die Hand gebe. Dort finden sie Leitfragen, anhand denen sie dem vorlesenden Kind Rückmeldung geben. Dafür machen sie sich Notizen bzw. bekommen den Text vorgelegt.
    Die Experten sind angelehnt an unser neues Lehrwerk Jo-Jo: Verständnis-, Ausdrucks- und der Grammatik- und Rechtschreibexperte.
    Und plötzlich können die Kinder deutlich strukturierter vorgehen und detaillierter Rückmeldung geben. Ja, ich brauche nun deutlich mehr Zeit dafür, aber wenn sie sinnvoller genutzt wird als bisher, bin ich gerne bereit, sie aufzubringen.
    Das Problem der nicht gemachten Hausi bleibt aber bestehen 🙁

    Antworten

  3. Spannend. Just gestern habe ich mich ziemlich lang und breit in Facebook (Grundschule Deutschunterricht) über das Thema „Effektivität vom Aufsatzunterricht“ ausgetauscht. Bei der Durchsicht der 3. Übungsaufsätze musste ich feststellen, dass diejenigen Schüler, die eine hohe Kompetenz in der Produktion von Texten erreicht haben, dies bereits beim ersten Übungsaufsatz gezeigt hatten. Der Lernfortschritt bei den schwächeren Schülern ist für mich kaum feststellbar… Schreibkonferenz, Partnerarbeit, Arbeit im Plenum: es scheint, als ob es für die Schüler kaum möglich ist, einen Gewinn aus dem Austausch über die Texte zu ziehen. Je offener die Schreibaufträge, desto stärker treten die Unterschiede hervor. Ich vermute, dass die Textproduktionskompetenz unmittelbar mit der Sprachkompetenz im mündlichen zusammen hängt und die Fähigkeit, einen Text anhand von Kriterien zu analysieren, erst viel später möglich ist. Ich habe mir vorgenommen, 1. viel mehr selbst zu erzählen (nicht vorzulesen) und 2. viel mehr erzählen zu lassen – auch nach Bildern oder mit Hilfe von Gegenständen.

    Antworten

    • Herrn Emrich

      Danke für dein Feedback.
      Bei den schwächeren habe ich mit Tandemschreiben und dem Untersuchen von Modelltexten als 1. Phase der „Selbstregulierten Strategieentwicklung“ (http://wirksame.schule/index.php/methoden/sprachgebrauch/item/6-schreibstrategien-und-wie-man-sie-vermitteln-kann) ein wenig was erreichen können. Aber du hast Recht: Die Starken sind von Beginn an stark (und wenn dann im Vergleich zu den Schwachen auch noch deutlicher stärker).
      Vieles kommt bestimmt auch von der frühkindlichen Erfahrung mit (Schrift-)sprache. Wenn mir in den ersten vier Jahren kaum jemand eine Geschichte erzählt oder vorliest, kann ich eben nur auf sehr wenige Modelle zurückgreifen …

      Antworten

  4. Hallo,

    das Konzept von Beate Leßmann bietet eine super Vorarbeit zum Thema Schreibkonferenzen. Ich arbeite seit Jahren damit und die Autorenrunde liefert den Kindern schon vorab so viele Möglichkeiten zur Textreflexion, so dass die Schreibkonferenz, wohl für manche Kinder wirklich ein sehr abstraktes Mittel der Textüberarbeitung, gut vorbereitet wird und für die Kinder verständlicher wird.

    Viele Grüße

    Antworten

  5. Deine Bedenken bezüglich. Schreibkonferenzen kann ich gut nachvollziehen. Genauso wie bei Mathekonferenzen musste ich immer wieder feststellen, dass ich (ich unterrichte vorwiegend in 1/2) einen unverhältnismäßigen Aufwand im Vergleich zum Nutzen habe. Du schreibst auch davon, warum unter Umständen besonders die schwachen Schüler am wenigsten profitieren können. Das teile ich. Ich denke, es ist ein Grundproblem, wenn wir Methoden wählen, die die leistungsschwachen Schüler zwingen ihre Schwäche immer wieder zu offenbaren, dann erreichen wir eher eine Verstärkung von Abwehrmechanismen. Das ist in Schreibkonferenzen so, aber wie ich finde auch im Tandemschreiben. Ich lasse Schüler gemeinsam schreiben – in selbstgewählten Partnerschaften und wenn das nicht zeitgleich erfolgt, bleiben auch nicht unbedingt bestimmte Schüler übrig. Diese Paare sind emotional verbunden – sie haben einander gewählt, sie formulieren gemeinsam Stück für Stück und jeder schreibt dann. Nicht immer ist der Text. Ende identisch, vielleicht gab es einen Punkt, wo die beiden in verschiedene Richtungen wollten. Rückmeldungen in der Klasse gibt es nach vorgegebenen Kriterien, entweder von allen oder der Schüler darf sich aussuchen Tipp oder Lob und von wem. „Du darfst 3 Schüler drannehmen.“ Dann „War etwas dabei, was dir geholfen hat.“ Oder bevor die Texte fertig sind haben die Schüler die Möglichkeit die anderen zu fragen:“wer hat eine Idee zu …“ Das muss man natürlich einüben, was für mich bei den Kleinen aber Sinn macht, weil ich diese Art Feedbacktechniken für ganz verschiedene Inhalte verwenden kann. Der Schüler muss etwas wollen – und manchmal ist der erste Schritt, vorne stehen zu wollen und Kinder drannehmen zu dürfen. Nun habe ich es natürlich leicht, die 1/2er schreiben noch nicht so viel, ich muss es nicht benoten …, Aber ich denke, wenn sie so etwas gewohnt sind, kann man das erweitern. Ich lasse die Unterschiede zu, ich bewerte sie nicht, ich gebe sachorientierte Rückmeldung. Ich unterbinde andere Formen der Rückmeldungen bei den Schülern. Ich rede offen mit ihnen über Schwächen und Fehler. Ich versuche einen geschützten Raum zu schaffen, in dem phantastische Geschichten neben ganz einfachen stehen dürfen. Die Schüler entwickeln ein Gespür dafür. Aber – das sehe ich realistisch – genau so lange, bis sie eben doch eine gute oder schlechte Note dafür bekommen. Da können wir uns abstempeln, was das bewirkt, werden wir nicht außer Kraft setzen können. Wir können es ein bisschen erträglicher machen. Das sollten wir mindestens tun.

    Antworten

  6. Ich bin mit Schreibkonferenzen nicht gut klar gekommen, als ich noch in der dritten/vierten Klasse unterrichtet habe. Das kam schon daher, dass ich in einem Brennpunktgebiet gearbeitet habe, in dem viele Kinder der deutschen Sprache kaum mächtig waren und viele verhaltensauffällige Kinder in einer Gruppe überhaupt nur zu integrieren waren, wenn ich als Lehrer dabei war.

    Um überhaupt einen Text diskutieren zu können, musste ich ihn abtippen, denn die Schriften waren nicht gut lesbar und die eigene Lesefähigkeit auch nicht überragend. Ich will damit sagen, dass Schreibkonferenzen ein Mindestmaß an Grundfertigkeiten voraussetzen, damit sie überhaupt wirken können. Ich habe zudem die Erfahrung gemacht, dass schwache Schreiber oft gar nicht mitgedacht haben und sich in der Gruppe eher passiv verhalten haben bzw. starke Schreiber Texte verbessert haben, ohne dass die schwächeren mitgegangen wären.

    Ich bin damals dazu übergegangen, dass ich wirklich einmal in der Woche Aufsätze mit nach Hause genommen habe, abtippte und für jedes Kind einzeln mit Tipps überarbeitete. Es gab eine Kriterienliste, , so dass ich überarbeitende Stellen mit Nummern versehen habe. Z.T. habe ich Tipps einzeln darunter geschrieben. Individuell auf jedes Kind zugeschnitten habe ich dann die Tipps abgestimmt. Heidenarbeit….

    Nach und nach habe ich in diese schwachen Umfeld dann entweder aus den Texten der Kinder einen Text zusammengebastelt, an dem wir gearbeitet haben (durchaus auch in Kleingruppen, aber eher in Partnerarbeit oder Einzelarbeit) oder ich habe fertige Texte genommen, die bearbeitet wurden. Zum Beispiel mehrere Texte, an denen wir dann die Satzanfänge durch Umstellen oder Konjunktionen oder best. Wörter verbesserten. Die schwächeren Schüler hatten die besten Ergebnisse und wurden am meisten motiviert, wenn ich ihnen best. Techniken immer und immer wieder angeboten habe: z.B. haben wir immer wieder geübt, wie man einen Satz interessanter schreiben kann: Das Kamel ist im Zoo. Dann geht das Kamel aus dem Gehege. Dann ist es auf dem Schulhof….. . Wer so schreibt, ist mit Schreibkonferenzen überfordert – gebraucht werden ganz konkrete Hilfen, die immer und immer wieder eingeübt werden.

    Ergo: Mir selber ist es nie gelungen, Kinder auf Schreibkonferenzen so vorzubereiten, dass ich mit dem Ertrag zufrieden war und ich ziehe vor jedem den Hut, der das gut hinbekommt.

    flippi

    Antworten

  7. Schön zu hören, dass es bei anderen auch nicht so gut funktioniert. Ich arbeite auch im Brennpunkt und finde es besonders schwer, Schreibkonferenzen durchzuführen. Meiner Meinung nach, ist die Aufsatzerziehung das schwierigste Feld in unserem Beruf. Ich habe bisher auch die Erfahrung gemacht,dass die Kinder entweder Texte verfassen könnnen, dann können Sie Tipps auch umsetzen. Oder aber, es fällt ihnen schwer, Texte zu verfassen. Dann haben sie auch Probleme damit, Tipps umzusetzen. Und das obwohl wir Kriterien erarbeiten, Listen anlegen die abgehakt werden…. Leider habe ich da immer noch keine Lösung gefunden, bin also für Ratschläge dankbar.

    Antworten

    • @birdy, du sprichst mir aus der Seele. Ich mache die Erfahrung, dass es auch in einem guten Umfeld immer schwerer wird, mit solchen Methoden zu arbeiten. Einerseits glaube ich, dass die Schüler im Schnitt um 1/4 Jahr jünger sind (und das wirkt sich in der 1/2 umso mehr aus als in der Klasse 3/4).
      flippi

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.