Rechtschreibkonferenzen

Für eine aktuelle Unterrichtsreihe habe ich mich heute auf die Suche nach Material zu Rechtschreibkonferenzen gemacht. Zuerst habe ich hierzu (natürlich) Tante google befragt. Dort fand ich jedoch in erster Linie den Verweis auf eine Konferenz aus dem Jahre 1901, in der eine gemeinsame Orthografie für den deutschsprachigen Raum festgelegt wurde. Das mag ein großer Meilenstein in der Geschichte der deutsche Sprache gewesen sein, traf aber nicht das, was ich suchte. Die Suche förderte zudem einige Konzepte und Schulprogramme zu Tage, die zwar alle brav darauf verwiesen, dass sie Rechtschreibkonferenzen durchführen, aber keine weitere Angaben dazu machten, wie sie durchgeführt werden. Von daher machte ich mir meine eigenen Gedanken:

Für mein Verständnis kann eine solche Rechtschreibkonferenz zwei Funktionen haben:

  1. einen (Schüler-)Text auf etwaige Fehler hin untersuchen und diese im besten Fall korrigieren.
  2. einen orthografisch korrekten Text auf besondere Schreibungen hin untersuchen und sich in einer Diskussion über die Begründung der Schreibung austauschen.

Ich war/bin auf der Suche nach Material zu Konferenzen nach dem zweiten Verständnis. Die erstgenannte Variante ist mit Sicherheit auch interessant, aber mit Sicherheit äußerst zeitintensiv. Ich könnte mir vorstellen, dass hier andere Methoden der orthografischen Überarbeitung effektiver sind.
Bei meiner weiteren Suche fand ich dann im letzten Heft der Reihe deutsch differenziert einen Artikel von Natalie Bors, die dort eine so verstandene Konferenz vorstellt. Dort arbeiten die Kinder mit einem vorgegeben Wortmaterial, welches sie Wort für Wort auf schwierige Stellen hin untersuchen. In einer gemeinsamen Diskussion werden dann Begründungen für die Schreibung notiert. Beim Wort Bäume beispielsweise wären B und äu die zu markierenden Stolperstellen. Das B kommt zustande, da es sich um ein Nomen handelt. Das äu kommt zustande, weil das Wort von Baum abgeleitet ist. (Anmerkung: es ist durchaus möglich, dass es sich hierbei um eine Idee von Beate Leßmann handelt. Sie ist zumindest in den Literaturangaben des Artikels benannt)

Das Ziel der Methode beschreibt Frau Bors folgendermaßen:

Der gegenseitige Austausch ist dabei ungemein wichtig, da jedes einzelne Kind nur so sein eigenes Gedankenrepertoire erweitern kann, um die Gedankengänge, die hier trainiert werden, später am eigenen Wortmaterial nutzen zu können. (deutsch differenziert 1/2016, S. 14)

Ich habe die Methode für die Zwecke meines Unterrichts abgewandelt. Der Konzeption unseres Sprachbuchs folgend sollen die Kinder die Konferenz auf Grundlage eines ganzen Lernwörtertextes durchführen. Zudem soll bei der Begründung Rückgriff die Symbole unserer Rechtschreibkonzeption genommen werden. Ich werde dies morgen einmal erproben. Ich bin gespannt, ob die Gruppen a) viele Stolperstellen erkennen und b) passende Begründungen für die Schreibung finden können. Für interessierte Lehrer*innen habe ich die Ablaufkarte mit dem Bild verlinkt.Rechtschreibkonferenz Lernwörtertext

Lektüre zur Rechtschreibung

Kein Thema der Grundschule wurde von externen Beobachtern in den letzten Jahren so heiß diskutiert, wie der Rechtschreibunterricht. Einen Teil der öffentlichen Diskussion habe ich hier im Blog nachgezeichnet, zudem sind einige weitere Artikel in der Kategorie „Rechtschreibung“ veröffentlicht.

Bereits vor einigen Monaten ist der 140. Mitgliedsband des Grundschulverbands erschienen. Dieser befasst sich unter dem Titel „Rechtschreiben in der Diskussion“ erneut mit dem Thema, nachdem der letzte Band hierzu aus dem Jahr 2000 datiert.

Ich möchte das Buch an dieser Stelle ausdrücklich empfehlen, wenngleich es mich in gewisser Weise auch enttäuscht hat. Enttäuscht, weil ich erwartet/erhofft hatte, dass der Grundschulverband eindeutiger Position bezieht, als er es in dem Werk tut. Doch hierzu später mehr. Das Buch ist in drei Teile gegliedert: eine Art Vorstellungsrunde, einen Überblick über die Forschungslage (der jedoch nur Teilaspekte herausgreifen kann) und eine Sammlung unterrichtspraktischer Anregungen. Weiterlesen

Blogparade: Rechtschreiben

Heute möchte ich alle (Grund-)Schulblogger einmal zu einer Blogparade zur „Rechtschreibung“ aufrufen. Die Idee zur der Blogparade kam mir in der vergangenen Woche:

Der Landtag des beschaulichen Bundeslands Mecklenburg-Vorpommern hat bereits am 21.2. eine vergleichsweise kurze Pressemitteilung zum Landesergebnis der Schulen in Vera 2014 (Bereich Rechtschreibung) veröffentlicht. Viele Presseportale haben die Mitteilung mit den Ergebnissen einfach mehr oder weniger kopiert, die FAZ hat daraus einen vergleichsweise schlecht recherchierten Artikel über „Schreiben nach Gehör“ gemacht.

Zu den Fakten: Im Land Mecklenburg-Vorpommern haben 37% der Kinder Kompetenzniveau 1 erreicht, 26% der Kinder liegen auf Kompetenzniveau 2. Eine exakte Beschreibung der Kompetenzstufen zur Rechtschreibung konnte ich im öffentlichen Bereich nicht finden, eine erste Übersicht lässt sich aber dem Bericht aus dem Land Berlin entnehmen.

Dabei sollte des Land MV doch froh sein. Über die erreichten Ergebnisse würde man in Berlin frohlocken! Dort sind 50% der Kinder auf Kompetenzniveau 1 und 22% der Kinder auf Kompetenzniveau 2. Anders gesprochen: Nur 28% der Kinder erreichen dort am Ende von Klasse 3 ein fortgeschrittenes Leistungsniveau.

Doch was heißt „Niveau 1“ eigentlich? Für dieses Leistungsniveau wird (verkürzt gesagt) gefordert, dass Wörter überwiegend lautgetreu geschrieben werden. Für „Niveau 2“ wird dies erweitert zu „Schüler kann nach grundlegender Laut-Buchstaben-Zuordnung schreiben und wendet erste Rechtschreibregel an“. Eine Kompetenz, die in NRW am Ende von Klasse 2 erreicht sein soll. 50% der Kinder in Berlin erreichen diese Kompetenz NICHT. Am Ende von Klasse 3.

Mir ist durchaus bewusst, dass die VERA-Tests nicht unumstritten sind. Aber unterstellen wir einfach mal, dass VERA ein gewisses Maß an Reliabilität und Validität besitzt. Wie kann es dazu kommen, dass am Ende von Klasse 3 ein so hoher Prozentsatz an Kindern nicht das Kompetenzniveau erreicht hat, das am Ende von Klasse 2 erreicht sein sollte bzw. dieses so gerade erreicht?

Ich finde dieses Thema durchaus interessant und wichtig. Daher starte ich hiermit die Blogparade Rechtschreibung. Bis zum 23.03. dürfen sich alle BloggerInnen beteiligen und den Link zu ihrem Beitrag in den Kommentaren posten. Ein paar Schlagwörter zur Ideenfindung möchte ich noch mit auf den Weg geben: Konzepte, Blick in die Praxis, Diagnostik, fehlende Grundlagen, Literatur, Ausbildung, Material … Und insbesondere die Kollegen der Sek1: Was kommt bei euch an? Decken sich eure Erfahrungen mit den Ergebnissen aus VERA?

Auf die Länge kommt es an …

… wenn man die Doppelkonsonanten richtig verwenden will. Diese folgen nämlich stets auf den kurzen betonten Selbstlaut bzw. sorgt der Doppelkonsonant dafür, dass der Vokal kurz gesprochen wird.

Daher ist es durchaus wichtig, dass die Schüler erkennen, ob ein Vokal kurz oder lang klingt. Die Frage ist nur, wie man dies trainiert bzw. mit welcher Aufgabenstellung. Bei Lollipop wird eine entsprechende Aufgabenstellung so formuliert:

Welche betonten Selbstlaute klingen lang, welche kurz?

Darunter folgt dann eine Reihe von Wörtern. Die Aufgabenstellung ist zwar klar formuliert, doch es ist zu erwarten, dass einige Schüler mit einem betonten Selbstlaut nichts anfangen können. In einer erweiterten Erklärung lässt man sich dann u.U. zu folgendem Satz hinreißen:

Klingt das /o:/ in Roller lang oder kurz?

Ich habe hier bewusst die Lautschreibung verwendet, um deutlich zu machen, dass man als Lehrer wohl i.d. Regel das Graphem O mit einem lange O (wie in Ofen) bezeichnet und nicht mit einem kurzen O (wie in Ordner). In Roller klingt aber kein /o:/, sondern ein /ɔ/. Klänge in Roller ein /o:/, dann wäre es auch lang, denn nur das /ɔ/ klingt kurz. Ich weiß nicht, ob ich mit meinen Überlegungen zu „kleinkariert“ bin und es für die Kinder wirklich eine zu hohe Transferleistung ist, wenn man sie fragt, ob das o in Roller kurz oder lang klingt, die Kinder aber eigentlich gedanklich entscheiden müssen, ob sie ein /o:/ oder ein /ɔ/ hören. Ich habe mich in diesem Durchgang trotzdem einfach mal dazu entscheiden, die Übung auf den beiden verschiedenen Anlautbildchen für das Graphem O aufzubauen. Die Kinder müssen also entscheiden:

Höre ich in Roller ein o wie in Ofen? Dann ist es lang. Oder höre ich o wie in Ordner, dann ist es kurz.

Meine Hoffnung ist eigentlich, dass die Unterscheidung mit dieser Hilfe etwas leichter fällt, denn zwei verschiedenen Anlautbildchen sind für alle Vokale bekannt und wurden auch im ersten Schuljahr konsequent verwandt (wenngleich sie sich in der Anlauttabelle jeweils gemeinsam in einem Feld standen). Und vielleicht wird dann auch die Rechtschreibung bzgl. der Doppelkonsonanten sicherer.

Sollte ich mit dieser „Methode“ bahnbrechende Erfolge feiern, dann lasse ich es euch wissen. Ansonsten war es halt mal ein nett gemeinter Versuch.

Der dicke Brocken des Tages

Eine (erste) kleine Ergänzung zum von mir praktizierten Rechtschreibunterricht: Seit dieser Woche arbeite ich mit dem dicken Brocken des Tages.

Zu Beginn des Unterrichtstages bzw. der Deutschstunde lasse ich die Kinder ein kleines DIN-A5-Heftchen rausholen. Dies ist unser „Brockenheft“, grundsätzlich tut es auch ein leerer Zettel oder das normale Deutschheft. Nun diktiere ich ein vorher sorgfältig ausgewähltes Wort, den dicken Brocken des Tages. Gestern war es z.B. Flachzange. Der dicke Brocken ist ein Wort, das (in gewisser Weise) besonders schwierig ist. Da wir derzeit immer noch im Bereich der Mitsprechwörter (alphabetische Strategie) arbeiten und noch keine Nachdenk-, Merkwörter oder Wörter mit Kürzezeichen eingeführt haben, sind dies derzeit Wörter, bei denen man genau hinhören muss, wie zum Beispiel beim „ch“ oder beim „ng“. Weitere Beispiele ist die Auslaute -er und -el oder auch st und sp, Viele Kinder machen das schon richtig, aber noch nicht alle.

Nach dem Diktat wird erstmal die Wortart bestimmt. Bisher kennen die Kinder nur Nomen, daher nehme ich auch nur Nomen. Dabei kann man dann auch direkt den Artikel benennen und die Wahl begründen: „die“, weil zu Zange gehört „die“. Danach wird die richtige Schreibung kontrolliert und begründet. Dies wird natürlich erst dann richtig spannend, wenn ein Phonem nicht mehr durch das Basisgraphem verschriftet wird, aber auch schon jetzt ist es interessant, einmal genau hinzuhören. Dazu passt dann auch die dritte Übung: Zähle die Buchstaben, Laute und Silben. Bei „Flachzange“ z.B. hören die Kinder 8 Laute, schreiben aber 10 Buchstaben. Auch hier kann man gemeinsam darüber reflektieren, warum das so ist. Zu guter letzt wird noch das richtige Lernwörterzeichen bestimmt. Zur Zeit sind natürlich alles Wörter „mit Dreieck“, aber in Zukunft wird das dann spannender, wenn ein Wort wie „Rassehund“ untersucht wird, welches sowohl ein Kürzezeichen (Kreis) hat, also auch ein Nachdenkwort (Viereck) ist.

Insgesamt „kostet“ diese Übung maximal 5 Minuten. Ich denke jedoch, dass diese 5 Minuten sinnvoll investiert sind, da die Kinder auf diese Weise ritualisiert über Rechtschreibung nachdenken und ihnen so Regeln, Strategien und deren Anwendung bewusster werden.

Diktieren verboten (streng verboten!)

Der heutige Nachmittag sollte eigentlich dem kommenden Elternsprechtag gewidmet sein, doch eine Diskussion an anderer Stelle hat mich (wieder einmal) herausgefordert, ein paar Zeilen zu schreiben.

In der genannten Diskussion ging es um Diktate und Rechtschreibbewertung im Allgemeinen. Im Laufe der Diskussion fiel dann folgender Satz:

Reine ‚Diktate‘ zu schreiben ist doch gar nicht mehr erlaubt …

Da die dort schreibende Kollegin, wie ich, aus NRW kommt, beziehe ich mich natürlich mit Folgendem nur auf NRW. Dieses Gerücht, dass Diktate verboten seien, höre ich vergleichsweise oft, vor allem wenn ich Kollegen von anderen Schulen darlege, dass wir an unserer Schule Diktate schreiben und diese sogar benoten.

Sucht man bei Google nach dem Verbot von Diktaten, so findet man auch direkt 141.000 Treffer. Das ist üppig. Nur die Vorschriften an Schulen macht nicht Google, sondern das Ministerium. Ich habe die BASS, die AO-GS und das Schulgesetz bemüht. Doch in keinem dieser Gesetzesvorschriften taucht ein Paragraf auf, dass Diktate verboten sind. Nein, noch nicht einmal das Wort „Diktat“ taucht dort auf.

Verboten sind sie also nicht, die Diktate. Zumindest nicht explizit und grundsätzlich. Am ehesten vielleicht könnte man die allgemeinen Vorgaben zur Leistungsbewertung auf die früher übliche Diktatpraxis beziehen, bei der im Wochenturnus ein wildfremder Text ungeübt diktiert und bewertet wurde.

Zur Leistungsbewertung im Allgemeinen gibt es nämlich folgende Aussagen:

(1) Zur Feststellung des individuellen Lernfortschritts sind nach Maßgabe der Lehrpläne kurze schriftliche Übungen zulässig. Schriftliche Arbeiten werden in den Klassen 3 und 4 in den Fächern Mathematik, Deutsch und Englisch geschrieben. (§5.1 AO-GS NRW)

 

Die Leistungsbewertung soll über den Stand des Lernprozesses der Schülerin oder des Schülers Aufschluss geben; sie soll auch Grundlage für die weitere Förderung der Schülerin oder des Schülers sein. […] Die Leistungsbewertung bezieht sich auf die im Unterricht vermittelten Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten. (§48 Schulgesetz NRW)

Ob die oben erwähnten, ungeübten Diktate, die keinen Bezug zu (geübten) Lernwörtern/Modellwörtern haben, in den Bereich „Maßgabe der Lehrpläne“ fallen und daher zur Leistungsbewertung herangezogen werden sollten, ist aus meiner Sicht zumindest diskussionswürdig. Zur Diagnostik könnten solche Diktate (in Maßen) jedoch sogar äußerst hilfreich sein.

Aber noch einmal zu dem, was die Gesetze und Vorgaben des Landes sagen. Denn dort ist ja von der Maßgabe der Lehrpläne die Rede. Die Maßgabe der Lehrpläne ist (in NRW) u.a., dass die Kinder grundlegende Regelungen der Rechtschreibung kennen und nutzen, mit einer Lernkartei (=Lernwörterbox) üben können und Rechtschreibstrategien anwenden. All dies sind Kompetenzen, die man auch, unter gewissen methodischen Voraussetzungen, mit einem Diktat überprüfen kann.

Treffender finde ich hierzu jedoch eine Aussage aus den Bildungsstandards für den Primarstufenbereich. Als eine Kompetenz ist dort aufgeführt: geübte, rechtschreibwichtige Wörter normgerecht zu schreiben. Ferner zudem: Arbeitstechniken nutzen; Übungsformen selbständig nutzen. Auch hier kann (!!) ein Diktat eine Möglichkeit sein, den Grad der Beherrschung dieser Kompetenzen mit einer Diktatform zu überprüfen.

Etwas anderes ist natürlich die Frage, ob Diktate aus didaktischer und pädagogischer Sicht sinnvoll, gerecht und valide sind. Darüber kann man diskutieren, zumal es ja in der methodischen Gestaltung von Diktaten und vor allem für den Weg bis zu einem Diktat viele Möglichkeiten gibt. Aber verboten sind Diktate (in NRW) nicht.

Rechtschreibung: Und was machst du so?

In den letzten Wochen habe ich viel über Rechtschreibung gelesen und auch schon einige wenige Artikel hier in diesem Blog geschrieben bzw. im Forum des Zaubereinmaleins:

Anlass meiner Beschäftigung mit dem Thema Rechtschreibung ist unter anderem, dass wir in den kommenden Wochen unser schulisches Rechtschreibkonzept überarbeiten wollen. Zudem ist der Rechtschreibunterricht der Grundschulen ja seit Wochen Monaten in der Presse:

Daher möchte ich jetzt einfach mal grob umreißen, wie Rechtschreibunterricht an  unserer Schule abläuft. Es soll dabei nicht um einen Königsweg gehen, denn der ist es mit Sicherheit nicht, sondern um eine Möglichkeit, mit der erfolgreich Rechtschreibung vermittelt werden kann.

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Nur die halbe Wahrheit

Derzeit beschäftige ich mich ein wenig mit Rechtschreibung, Schriftspracherwerb und der (ewigen) Diskussion um LdS. Dabei bin ich auch (mal wieder) auf die Seite von Herrn Jansen gestoßen: Der Grundschulservice. Herr Jansen war einmal Fachleiter für Deutsch und in der Lehrerfortbildung tätig, befindet sich aber schon seit geraumer Zeit im Ruhestand. Er betreibt die o.g. Seite und bietet dort vor allem „Elternbriefe“ an, die wohl vor allem Eltern über Missstände an deutschen Grundschulen aufklären sollen, denn Positives oder gar Konstruktives liest man in diesen Briefen nicht. Sein Hauptfeindbild ist der (Recht-)Schreibunterricht der Grundschule, denn von 23 Elternbriefen haben 11 Briefe dies zum Thema. Zu weiteren Feindbildern kommen wir später.

Ich habe die Seite schon öfter wahrgenommen, aber immer wieder schnell verlassen, weil ich sie recht anstrengend fand. Zudem fühlte mich durch einen Elternbrief nicht angesprochen, ich bin ja das Personal. Heute habe ich mir aber mal hingesetzt und einen Brief genauer gelesen. Es lohnt sich … in gewisser Weise. Ich beziehe mich auf den Brief Nr. 23.

Rein optisch besticht der Brief durch den rosa Hintergrund und die rote Schrift. Das erleichtert das Lesen leider nicht wirklich, soll aber vermutlich die Dringlichkeit des Anliegens deutlich machen. Ein Fakt macht Herr Jansen direkt zu Beginn sehr deutlich:

Elternbriefe-online orientiert sich stets an den neuesten Ergebnissen aus den zuständigen Wissenschaftsbereichen. Sämtliche Informationen wurden sorgfältig recherchiert und sind jederzeit überprüfbar.

Sein Anliegen in diesem Brief ist, dass (Recht-)Schreibunterricht nach LdS Schwächen hat und diese Schwächen (insbesondere bei lernschwachen Kindern) zur Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb und bei der Entwicklung der Rechtschreibkompetenz führen können. Ein Anliegen, mit dem er im Kern recht hat, keine Fragen. Schwierig finde ich aber die Art der Argumentationsführung und seine Praxis in der Verwendung von Zitaten.

Es ist Herrn Jansen außerordentlich wichtig, alle seine Behauptungen korrekt herzuleiten und mit Zitaten aus der (aktuellen) Forschung zu belegen. Leider wird durch die Art und Weise der Textformatierung nicht immer deutlich, wo nun wörtlich zitiert wird und wo er einen Gedanken (vermeintlich richtig) in eigenen Worten wiedergibt.

Ich mache das mal an einem Beispiel deutlich. Herr Jansen zieht die „Expertise „Erfolgreiche Sprachförderung
unter Berücksichtigung der besonderen Situation Berlins““ zu Rate, an der u.a. Frau Valtin mitgewirkt hat, der Herr Jansen wohl sehr schätzt, denn sie zitiert er am Häufigsten. Die Expertise kommt u.a. zu folgender Erkenntnis:

„Die Hinführung zur Struktur der Buchstabenschrift sollte mit der analytisch synthe- ‐
tischen Methode* erfolgen. Abgeraten wird von dem von Reichen propagierten „Lesen
durch Schreiben“, bei dem Kinder mit Hilfe einer Anlauttabelle in der ersten
Jahrgangsstufe das lautorientierte Verschriften erlernen und keinen Leseunterricht
erhalten und nicht die korrekte Schreibweise der Buchstaben üben.“

Leider macht die Studie an dieser Stelle nicht deutlich, was (vermutlich) der eigentliche Grund für das Abraten von LdS und die Bejahung der analytisch-synthetischen Methode ist. Ein Kritikpunkt ist mit Sicherheit, dass kein Leseunterricht stattfindet. Herr Jansen folgert jedoch nun Folgendes:

Die Kernelemente des von Reichen erfundenen Konzepts ‚Lesen durch Schreiben‘ sowie der
daraus hervor gegangenen Lesen-durch-Schreiben-Versionen, das heißt, das Verschriften
mit einer Anlauttabelle, das Freie Schreiben, die Fehlertoleranz, sind nicht „lernförderlich“.

Dabei stellt er diese Aussagen so dar, als sei dies die Quintessenz der Expertise. Böse Anlauttabelle und böses freies Schreiben. Das dem nicht so ist hätte er durchaus feststellen können, wenn er die zitierte und von ihm verlinkte Expertise komplett gelesen hätte. Auf Seite 98 werden dort nämlich Kriterien für guten Anfangsunterricht aufgestellt. Dort heißt es dann wörtlich:

Haben die Schüler und Schülerinnen ausreichend Zeit für freies Schreiben, so dass sie ihre eigenen Zugänge zur Schrift erproben können […]?

Also sagt die Expertise mitnichten, dass die Anlauttabelle und das freie Schreiben abgeschafft gehören, nein, sie gehören sogar zu gutem Anfangsunterricht elementar dazu.

Ich möchte jetzt den Elternbrief nicht komplett durchanalysieren und ich habe auch nicht jedes Zitat geprüft. An vielen Stellen wird leider sehr deutlich, dass Herr Jansen ein großes Problem mit Herrn Brügelmann und Frau Brinkmann hat. Da wird es stellenweise sehr polemisch, wenn ein Foto des Wohnsitzes von Herrn Brügelmann eingebaut wird (das einzige Bild im ganzen Text) oder von Allmachtsphantasien gesprochen wird. Seitenweise versucht er, Herrn Brügelmann durch den Kakao zu ziehen. Mit einer wissenschaftlichen, sachlichen Diskussion zum Thema hat das wenig zu tun.

Irgendwann geht es dann aber wieder um die Sache, sprich um die Anlauttabelle und das freie Schreiben. Hier führt Herr Jansen wieder Frau Valtin ins Feld und einen Artikel aus dem Tagesspiegel von 2006. Inwiefern dies sinnvolle Fachliteratur ist, sei dahingestellt. Er kommt zu dem Schluss:

Prof. Renate Valtin* über ‚Freies Schreiben’/’Lesen durch Schreiben‘ mit der Anlauttabelle: „Renate
Valtin hält diese Methode für schädlich. Die Kinder lernten mit dem rein phonetischen Schreiben eine
falsche Strategie, die sie sich im Laufe ihrer Schulkarriere mühsam wieder abgewöhnen
müssten.“

Im Artikel steht jedoch etwas ganz anderes:

Jetzt will Renate Valtin, die auch Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben ist, erreichen, dass Berlins Schulsenator Klaus Böger (SPD) die Methode „Lesen durch Schreiben“ aus den Grundschulen verdrängt. Besser sei es für die Kinder, mit Schlüsselwörtern Lesen zu lernen. Anlauttabellen könnten aber weiterhin als Hilfsmittel dienen.

Natürlich als Hilfsmittel zum freien Schreiben, wie aus der Expertise deutlich wird. Auch später wird die Behauptung, Frau Valtin wäre gegen freies Schreiben der Kinder, noch wiederholt:

‚Freies Schreiben’/’Lesen durch Schreiben‘ sei ein schädliches Konzept, mit dem die Kinder eine falsche Strategie lernen, […]

Allein die Gleichsetzung von freiem Schreiben und LdS ist de facto falsch. Richtig polemisch wird es dann mit folgendem Schlusswort:

Sie hätte auch ein noch deutlicheres Fazit ziehen können:
Die derzeit praktizierte Schreibdidaktik ist inhuman und kinderfeindlich.

 

Das soll als Anmerkung genügen. Ich finde diese Elternbriefe kann man nicht unkommentiert stehen lassen, wenn vor allem am Anfang so betont wird, dass hier sorgfältig recherchiert wurde. LdS ist mit Sicherheit diskussionswürdig, es gibt mit Sicherheit Entwicklungspotential an einigen Schulen, aber der hier gewählte Weg der „Diskussion“ ist aus meiner Sicht mal so richtig falsch.

Über die Handschrift getwittert

Gestern abend war es einmal wieder so weit: die Gemeinde der twitternden (Schul-)Pädagogen traf sich zum alldienstäglichen Twitter-Chat, dem #EdChatDE. Während hier sonst gerne einmal Themen aus dem Dunstkreis der „Neuen Medien“ diskutiert werden, stand diesmal das Thema „Handschrift“ auf der Tagesordnung. Dies bewog mich dann doch noch einmal dazu dem Chat live zu folgen, immerhin ein Thema das auch stark in der Grundschule verankert ist, immerhin lernen die lieben Kleinen ja „bei uns“ das Schreiben. Doch wie @frandevol im Nachgang des Chats so treffend formulierte, bot der Chat auch Gelegenheit, sich über die halbgaren Äußerungen im Chat zu echauffieren, wenn es um „Lesen durch Schreiben“ und die Grundschrift ging. Die Sau der Rechtschreibkatastrophe wird ja schon seit einiger Zeit durch das Pressedorf getrieben, oftmals auch begleit vom Grundschrift-Ferkelchen. Da durften diese beiden Gesellen natürlich auch im EDChatDE nicht fehlen.

Nun ist es mitnichten so, dass ich glühender Verfechter von Jürgen Reichen bin und auch (noch?) kein Verfechter der Grundschrift. Was mich vielmehr erregte war die Art der Diskussionsführung: das Vertauschen/Vermischen von Begrifflichkeiten, die (u.U. unreflektierte) Wiedergabe von Zeitungsparolen und der abschätzige Tonfall, mit dem teilweise über die Arbeit der Grundschulen geschrieben wurde. Die bösen, unbelehrbaren Grundschulen verhunzen die Kinder mit ihrem Reichen-Sch*** und dem Grundschrift-M*** und wir am Gymnasium dürfen es dann ausbaden. Dabei steht es doch schon lange in der FAZ und dem Spiegel, wie es richtig geht. Das würde natürlich wörtlich nicht so gesagt, war aber zwischen den Zeilen zu erkennen.

Wenn in der Presse mit diesem Grundtenor geschrieben wird, dann kann ich das noch gut verkraften, denn von der Presse erwartet man es irgendwie auch nicht anders.Lehrer- und Schulbashing ist ja irgendwie hipp, vor allem in der Grundschule. Grundschullehrer kann ja irgendwie jeder. Wenn sich aber Kollegen noch nicht einmal die Mühe machen, sich selbst ein Bild zu machen und sich über die Hintergründe zu informieren (Ich sehe in der 5. Klasse das Resultat. Das langt dann schon.), dann finde ich das schon … schwieriger.

Aber der Reihe nach:

Begriffliche Klarheit

Am meisten vermisse ich in den ewigen Diskussion (um die Rechtschreibung) die begriffliche Klarheit. Leider wird Anlauttabelle zu oft mit Lesen durch Schreiben und Jürgen Reichen gleichgesetzt. Es gibt aber noch weit mehr Modelle des Anfangsunterrichts, die die Anlauttabelle als Werkzeug des Schriftspracherwerbs nutzen. Natürlich spielt die Anlauttabelle bei Jürgen Reichen eine elementare Rolle, aber darum macht noch lange nicht jede Grundschule, die den Kindern in Klasse 1 eine Anlauttabelle in die Hand gibt, Lesen durch Schreiben. Aus meiner Sicht wesentlich populärer ist der Spracherfahrungsansatz nach Hans Brüggelmann. Auch dort schreiben die Kinder zu Beginn „frei“ mit Anlauttabelle, allerdings ist dort auch die Arbeit mit einem Grundwortschatz und die Aufarbeitung orthografischer Muster auch (von Beginn an) fest verankert. Auch die synthetisch-analytische Einführung von Schrift ist eine Säule des Spracherfahrungsansatzes. Und das stellt einen großen, entscheidenden Unterschied zu Lesen durch Schreiben dar. Doch leider wird das wohl leider übersehen. Da reicht scheinbar schon die Erwähnung der Anlauttabelle zu der Erkenntnis, dass der Unterricht Murks gewesen sein muss.

Überhaupt: Die Anlauttabelle spielt vielleicht im ersten (halben) Jahr eine Rolle für die Kinder. Interessanter ist doch die Frage, was kommt danach. Ab wann werden welche Verbesserungen vorgenommen, ab wann setzt der eigentliche Rechtschreibunterricht ein und mit welchen Methoden wird dieser durchgeführt. Was passiert also in Klasse 2-4? Oder wird hier ernsthaft unterstellt, dass die Kinder pünktlich zur Einschulung in Klasse 5 die Anlauttabelle aus dem Ranzen räumen? Wenn ich also mit den Rechtschreibleistungen der Fünftklässler unzufrieden bin (und das sind die Kollegen aus dem EdChatDE offenkundig), dann sollte ich nicht nach der Methodik des Anfangsunterrichts fragen, sondern nach dem, was zwischen Klasse 1 und Klasse 5 passiert ist.

Einblick nehmen

Wenn in einer Fachdiskussion unter Kollegen Argumente mit Artikeln aus Spiegel, FAZ und Co argumentiert wird, dann eröffnet das bei mir die Frage, ob sich die betreffenden Kollegen überhaupt selbst ein Bild gemacht haben, sich mit Theorie und Praxis der einzelnen Methoden vertraut gemacht haben und evtl. sogar aktuelle, fachwissenschaftliche Artikel zu dem Thema gelesen haben? Die mitunter schlecht recherchierten Artikel aus den Hochglanzmagazinen taugen aus meiner Sicht für ein differenziertes Meinungsbild nicht wirklich. Zur Stimmungsmache sind sie jedoch super. Dabei gibt es ja sogar aktuelle (Meta-)Studien zu Lesen durch Schreiben, die den Nachteil von LdS zumindest infrage stellen.

Mit der konkreten Einblicknahme wären dann vermutlich auch die Begriffe klar. Dann würde deutlich werden, dass es neben (nennen wir es) Hardcore-LdS, was vermutlich an den wenigsten Schulen durchgeführt wird, eben viele andere Konzeptionen gibt (Spracherfahrungsansatz, Rechtschreibwerkstatt nach Sommer-Stumpenhorst usw.). Es würde deutlich werden, dass das freie Schreiben mit Anlauttabelle nur ein Teil des Anfangsunterrichts ist. Es würde deutlich werden, dass das „Schreib wie du sprichst/es hörst“ ein wichtiger Schritt im Entwicklungsmodell von Valtin ist, die ja gerne damit zitiert wird, dass LdS verboten werden sollte. Lesen durch Schreiben wohlgemerkt, nicht die Anlauttabelle.

Aber bei mir ist das so

Besonders gerne lese ich dann auch Argumentationen, dass man es ja selbst jeden Tag sehen würde, wie schlecht Kindern im Fünften Schuljahr rechtschreiben würden und diese Kinder ja alle irgendwann einmal mit Anlauttabelle gelernt haben, muss diese eben die Wurzel allen Übels sein. Das ist ebensowenig hilfreich wie Aussagen, dass man selbst LdS mache und die Kinder alle toll schreiben würden. Beides sind Einzelerfahrungen ohne empirische Aussagekraft. Zudem weisen sie allenfalls auf eine Korrelation hin und keinesfalls auf Ursache und Wirkung.

Anfangsunterricht vs. Rechtschreibunterricht

Ich möchte keinesfalls bestreiten, dass es Defizite in der Rechtschreibleistung von abgehenden Viertklässlern geben mag. Die Gründe jedoch in einer kleinen Pappscheibe mit Bildchen und Buchstaben zu suchen, greift doch etwas kurz. Ich wage die These, dass die Gründe im Rechtschreibunterricht zu suchen sind, der vielleicht zu spät beginnt, der vielleicht falsche Methoden oder evtl. gar keine Methoden verwendet, der vielleicht von Lehrkräften erteilt wird, denen es selbst an Fachwissen fehlt oder der strukturlos ist und nicht bei den Lernschwierigkeiten der Kinder ansetzt. Vermutlich ist es eine Kombination aus vielem davon … auf jeden Fall wird es nicht so eindimensional sein, wie es gestern behauptet wurde.