7 Thesen zur Materialerstellung

Das, was jetzt kommt, ist ein Versuch. Es ist vielleicht ein bisschen provozierend. Es mag vielleicht empören. Aber ich versuche es einfach mal.

In den letzten Wochen Monaten blühen die Materialblogs für die Grundschule. (Un-)Mengen an Material für jede erdenkliche Kleinigkeit wird erstellt, veröffentlicht und überwiegend kostenlos angeboten. Das ist toll für alle die, die Materialien nutzen wollen. Auch ich greifen hin und wieder dankbar zu.

In letzter Zeit nehme ich aber auch wahr, dass bei den vielen veröffentlichten Sachen auch vieles bei ist, was „nicht geht“. Aus verschiedenen Gründen. Manchmal nehme ich mir die Zeit und kommentiere dann, manchmal/oft fehlt mir dazu auch einfach die Zeit. Man kann es ja auch einfach ignorieren.

Dennoch habe ich mir jetzt in den Ferien einmal die Zeit genommen, 7 „Thesen“ zur Materialerstellung zu formulieren. Dinge, die aus meiner Sicht wichtig sind, wenn man Material erstellt und veröffentlicht. Diesen Thesen möchte ich hier einmal zur Diskussion stellen. Einfach so 🙂

Ich möchte mit den Thesen keine Bloggerin oder Blogger direkt oder indirekt angreifen oder verurteilen. Ich möchte einzig zum Diskutieren und zum Nachdenken anregen.

Wer die Thesen gut findet, kann sie auch gerne für seinen Blog oder seine Seite verwenden, auch in veränderter Form. Sie sind hiermit als cc-by veröffentlicht.

PS: Um es vorweg zu nehmen: Natürlich habe auch ich mal Materialien auf einer meiner Seiten gehabt, die nicht mit einer oder mehreren dieser Thesen konform sind. Ich denke, sowas gehört zu einer normalen Entwicklung dazu. Mit der Zeit sieht man einige Dinge einfach anders und bestimmte Sachen würde man so bestimmt nicht noch einmal machen.

Aber nun zum Thema:  Weiterlesen

Mieze Mia – (k)eine OER-Erfolgsgeschichte ??

In 14 Tagen findet in Köln das OER-Camp zu freien Bildungsmaterialien statt. Ich werde in diesem Jahr (hoffentlich) zum ersten Mal live dabei sein und möchte vorab, als kleines Warm-Up, über meinen eigenen OER-Erfahrungen reflektieren.

Worum es geht

Vor ziemlich genau 4 Jahren begann ich mit der Arbeit an einer kleinen Arbeitsheft-Serie für den Mathematikunterricht der Grundschule. Unter dem Label „Mathe mit Mieze Mia“ erstellte ich Mini-Arbeitshefte für meine Klasse. In jedem Heft wurde ein kleiner Teilaspekt zum vertiefenden Üben thematisiert, so dass die Hefte bei mir vor allem zur individuellen Förderung eingesetzt wurden.

Da ich zu dieser Zeit auch von der Diskussion um OER-Materialien Wind bekam, entschloss ich mich dazu, die Hefte als OER-Material anzubieten. Ich habe also zur Erstellung ausschließlich freie Quellen für Schriften und Grafiken genutzt (insbesondere die openclipartlibrary und die openfontlibrary) und zu allen Heften neben der fertig gerenderten PDF-Datei auch die Quelldatei angeboten. Anfangs war dies noch MS-Publisher, später dann noch OER-konformer die ODG-Dateien von LibreOffice.

Über die Jahre entstanden so über 50 Hefte, die inzwischen zwar nicht mehr in meinem Blog zu finden sind, dafür aber im ZUM-Wiki. Dort, so meine Hoffnung, wäre es dann für interessierte LehrerInnen noch einfacher, Überarbeitungen an den Heften vorzunehmen und diese zu veröffentlichen.

Eine Erfolgsgeschichte!

Durch die häufigen Umzüge der Hefte und die Verfügbarkeit in mehreren Quellen kann ich nur mit geschätzten Zahlen dienen. Insgesamt dürfte (im Schnitt) jedes Heft etwa 2000 mal heruntergeladen worden sein. Es natürlich zu bezweifeln, dass sie auch in dieser Menge im Unterricht eingesetzt wurden, aber ich selbst war doch einigermaßen erstaunt über die schnelle Verbreitung der Hefte.

Ob die Hefte auch einen (positiven) Effekt auf den Lernfortschritt der Schüler hatten, was ja nicht unerheblich ist wenn es um „Erfolg“ geht, kann ich höchstens aus meinem Unterricht schätzen. Es gibt durchaus Indizien dafür, da die Kinder sehr gerne damit gearbeitet haben und nicht immer gemerkt haben, dass sie jetzt besonderes Fördermaterial hatten, während andere Kinder zur gleichen Zeit an einem Knobelheft saßen. Man macht halt „Mieze Mia“.

Auch die Rückmeldung von Kollegen waren eher positiver Natur, aber auch dies will erstmal nichts heißen, denn kostenlose Sachen kommen immer gut an. Da wird dann (leider) selten mit kritischem Auge drangegangen.

Eine Erfolgsgeschichte?

Dennoch bin ich ernüchtert nach nunmehr 4 Jahren. Es gab von außen keine einzige Überarbeitung der Hefte, die nachher neu veröffentlicht wurde. Und eben dies soll doch das besondere an OER sein, das, was mit OER erst möglich gemacht werden soll. Materialien rechtssicher überarbeiten, Neues erstellen und dann wieder den Kollegen anbieten können.

Dabei musste noch nicht einmal unbedingt ein neues Heft erstellt werden, denn die Hefte hatten (leider/natürlich) den ein oder anderen Fehler intus. Eine ODG-Datei kann jeder überarbeiten, denn das passende LibreOffice gibt es für alle Plattformen kostenlos im Netz und ist auch nicht viel schwerer zu verstehen, als Word oder Powerpoint. Die Mühe gemacht hat sich – (vermutlich) niemand. Oder aber es wurde sich die Mühe gemacht, aber die Überarbeitung fand nicht den Weg ins Netz.

Woran hapert es?

Hier habe ich einige lose Ideen:

  • Es mag für KollegInnen ungewohnt sein, Dateien verändern zu dürfen und das Ergebnis dann auch noch veröffentlichen zu dürfen. Dies widerspricht dem, was mit herkömmlichen Materialien erlaubt war. Vielleicht ist man daher hier (zu) vorsichtig,
  • Die Programm mögen ungewohnt und sperrig sein. LibreOffice ist zwar den bekannten MS-Programmen sehr ähnlich, aber nicht identisch. Das mag abschrecken. Zudem ist es leider so, dass sich nicht alle ODG-Dateien mit jeder Programmversion öffnen lassen. Libreoffice hat da noch den Zwillingsbruder OpenOffice. Letzteres kann aber bspw. keine eingebetteten SVG-Grafiken anzeigen. Hier herrschen also noch Defizite im Handling der offenen Datei-Formate, was vielleicht auch abschreckend wirkt.
  • Vielleicht mangelt es auch an Zeit oder Lust, die Dateien zu bearbeiten. Kolleginnen stoßen ggf. zufällig bei der Recherche nach schnell einsetzbarem Unterrichtsmaterial auf die Arbeitshefte und haben gar kein Interesse daran, etwas Neues zu gestalten.

Mein Fazit

Einen Teil meines Fazits habe ich schon vor einiger Zeit gezogen: Ich verwende nicht mehr (ausschließlich) quelloffene Software zur Erstellung der Materialien. Dann mag es zwar kein OER-Material mehr im engeren Sinne sein, aber wieso soll ich mich verbiegen (müssen), um Möglichkeiten zu schaffen, die eh keiner nutzt. Aus meiner Sicht sind Publisher&Co ihren Opensource-Kollegen noch deutlich überlegen. Zudem lassen sich ja auch Dateien in geschlossenen Formaten bearbeiten und wiederveröffentlichen, auch wenn die entsprechenden Programme weniger verbreitet sind.

Die Erstellung von OER-Material für die Grundschule kann schnell zum Krampf werden, da hier oftmals unterstützendes Bildmaterial nötig ist, welches es nur sehr begrenzt unter OER-tauglichen Lizenzen gibt. Hier muss man dann noch zu oft auf Notlösungen und Kompromisse zurückgreifen, was die Erstellung dann etwas schwierig macht.

Mein Fazit bezieht sich vor allem auf den Grundschulbereich, denn hier unterrichte ich nun einmal. Hier sehe ich noch viel … nennen wir es Entwicklungspotential. Es scheint, als sei vielen KollegInnen OER noch nicht bekannt, so dass die sich ergebenden Möglichkeiten und Chancen ungenutzt bleiben. Auch die Benutzung der Werkzeuge zur Bearbeitung, Erstellung und Wiederveröffentlichung scheint ungewohnt, was ein zusätzliches Steinchen im OER-Getriebe sein könnte. Hier muss wohl noch Aufklärungsarbeit in vielen Ebenen geleistet werden.

Über die Handschrift getwittert

Gestern abend war es einmal wieder so weit: die Gemeinde der twitternden (Schul-)Pädagogen traf sich zum alldienstäglichen Twitter-Chat, dem #EdChatDE. Während hier sonst gerne einmal Themen aus dem Dunstkreis der „Neuen Medien“ diskutiert werden, stand diesmal das Thema „Handschrift“ auf der Tagesordnung. Dies bewog mich dann doch noch einmal dazu dem Chat live zu folgen, immerhin ein Thema das auch stark in der Grundschule verankert ist, immerhin lernen die lieben Kleinen ja „bei uns“ das Schreiben. Doch wie @frandevol im Nachgang des Chats so treffend formulierte, bot der Chat auch Gelegenheit, sich über die halbgaren Äußerungen im Chat zu echauffieren, wenn es um „Lesen durch Schreiben“ und die Grundschrift ging. Die Sau der Rechtschreibkatastrophe wird ja schon seit einiger Zeit durch das Pressedorf getrieben, oftmals auch begleit vom Grundschrift-Ferkelchen. Da durften diese beiden Gesellen natürlich auch im EDChatDE nicht fehlen.

Nun ist es mitnichten so, dass ich glühender Verfechter von Jürgen Reichen bin und auch (noch?) kein Verfechter der Grundschrift. Was mich vielmehr erregte war die Art der Diskussionsführung: das Vertauschen/Vermischen von Begrifflichkeiten, die (u.U. unreflektierte) Wiedergabe von Zeitungsparolen und der abschätzige Tonfall, mit dem teilweise über die Arbeit der Grundschulen geschrieben wurde. Die bösen, unbelehrbaren Grundschulen verhunzen die Kinder mit ihrem Reichen-Sch*** und dem Grundschrift-M*** und wir am Gymnasium dürfen es dann ausbaden. Dabei steht es doch schon lange in der FAZ und dem Spiegel, wie es richtig geht. Das würde natürlich wörtlich nicht so gesagt, war aber zwischen den Zeilen zu erkennen.

Wenn in der Presse mit diesem Grundtenor geschrieben wird, dann kann ich das noch gut verkraften, denn von der Presse erwartet man es irgendwie auch nicht anders.Lehrer- und Schulbashing ist ja irgendwie hipp, vor allem in der Grundschule. Grundschullehrer kann ja irgendwie jeder. Wenn sich aber Kollegen noch nicht einmal die Mühe machen, sich selbst ein Bild zu machen und sich über die Hintergründe zu informieren (Ich sehe in der 5. Klasse das Resultat. Das langt dann schon.), dann finde ich das schon … schwieriger.

Aber der Reihe nach:

Begriffliche Klarheit

Am meisten vermisse ich in den ewigen Diskussion (um die Rechtschreibung) die begriffliche Klarheit. Leider wird Anlauttabelle zu oft mit Lesen durch Schreiben und Jürgen Reichen gleichgesetzt. Es gibt aber noch weit mehr Modelle des Anfangsunterrichts, die die Anlauttabelle als Werkzeug des Schriftspracherwerbs nutzen. Natürlich spielt die Anlauttabelle bei Jürgen Reichen eine elementare Rolle, aber darum macht noch lange nicht jede Grundschule, die den Kindern in Klasse 1 eine Anlauttabelle in die Hand gibt, Lesen durch Schreiben. Aus meiner Sicht wesentlich populärer ist der Spracherfahrungsansatz nach Hans Brüggelmann. Auch dort schreiben die Kinder zu Beginn „frei“ mit Anlauttabelle, allerdings ist dort auch die Arbeit mit einem Grundwortschatz und die Aufarbeitung orthografischer Muster auch (von Beginn an) fest verankert. Auch die synthetisch-analytische Einführung von Schrift ist eine Säule des Spracherfahrungsansatzes. Und das stellt einen großen, entscheidenden Unterschied zu Lesen durch Schreiben dar. Doch leider wird das wohl leider übersehen. Da reicht scheinbar schon die Erwähnung der Anlauttabelle zu der Erkenntnis, dass der Unterricht Murks gewesen sein muss.

Überhaupt: Die Anlauttabelle spielt vielleicht im ersten (halben) Jahr eine Rolle für die Kinder. Interessanter ist doch die Frage, was kommt danach. Ab wann werden welche Verbesserungen vorgenommen, ab wann setzt der eigentliche Rechtschreibunterricht ein und mit welchen Methoden wird dieser durchgeführt. Was passiert also in Klasse 2-4? Oder wird hier ernsthaft unterstellt, dass die Kinder pünktlich zur Einschulung in Klasse 5 die Anlauttabelle aus dem Ranzen räumen? Wenn ich also mit den Rechtschreibleistungen der Fünftklässler unzufrieden bin (und das sind die Kollegen aus dem EdChatDE offenkundig), dann sollte ich nicht nach der Methodik des Anfangsunterrichts fragen, sondern nach dem, was zwischen Klasse 1 und Klasse 5 passiert ist.

Einblick nehmen

Wenn in einer Fachdiskussion unter Kollegen Argumente mit Artikeln aus Spiegel, FAZ und Co argumentiert wird, dann eröffnet das bei mir die Frage, ob sich die betreffenden Kollegen überhaupt selbst ein Bild gemacht haben, sich mit Theorie und Praxis der einzelnen Methoden vertraut gemacht haben und evtl. sogar aktuelle, fachwissenschaftliche Artikel zu dem Thema gelesen haben? Die mitunter schlecht recherchierten Artikel aus den Hochglanzmagazinen taugen aus meiner Sicht für ein differenziertes Meinungsbild nicht wirklich. Zur Stimmungsmache sind sie jedoch super. Dabei gibt es ja sogar aktuelle (Meta-)Studien zu Lesen durch Schreiben, die den Nachteil von LdS zumindest infrage stellen.

Mit der konkreten Einblicknahme wären dann vermutlich auch die Begriffe klar. Dann würde deutlich werden, dass es neben (nennen wir es) Hardcore-LdS, was vermutlich an den wenigsten Schulen durchgeführt wird, eben viele andere Konzeptionen gibt (Spracherfahrungsansatz, Rechtschreibwerkstatt nach Sommer-Stumpenhorst usw.). Es würde deutlich werden, dass das freie Schreiben mit Anlauttabelle nur ein Teil des Anfangsunterrichts ist. Es würde deutlich werden, dass das „Schreib wie du sprichst/es hörst“ ein wichtiger Schritt im Entwicklungsmodell von Valtin ist, die ja gerne damit zitiert wird, dass LdS verboten werden sollte. Lesen durch Schreiben wohlgemerkt, nicht die Anlauttabelle.

Aber bei mir ist das so

Besonders gerne lese ich dann auch Argumentationen, dass man es ja selbst jeden Tag sehen würde, wie schlecht Kindern im Fünften Schuljahr rechtschreiben würden und diese Kinder ja alle irgendwann einmal mit Anlauttabelle gelernt haben, muss diese eben die Wurzel allen Übels sein. Das ist ebensowenig hilfreich wie Aussagen, dass man selbst LdS mache und die Kinder alle toll schreiben würden. Beides sind Einzelerfahrungen ohne empirische Aussagekraft. Zudem weisen sie allenfalls auf eine Korrelation hin und keinesfalls auf Ursache und Wirkung.

Anfangsunterricht vs. Rechtschreibunterricht

Ich möchte keinesfalls bestreiten, dass es Defizite in der Rechtschreibleistung von abgehenden Viertklässlern geben mag. Die Gründe jedoch in einer kleinen Pappscheibe mit Bildchen und Buchstaben zu suchen, greift doch etwas kurz. Ich wage die These, dass die Gründe im Rechtschreibunterricht zu suchen sind, der vielleicht zu spät beginnt, der vielleicht falsche Methoden oder evtl. gar keine Methoden verwendet, der vielleicht von Lehrkräften erteilt wird, denen es selbst an Fachwissen fehlt oder der strukturlos ist und nicht bei den Lernschwierigkeiten der Kinder ansetzt. Vermutlich ist es eine Kombination aus vielem davon … auf jeden Fall wird es nicht so eindimensional sein, wie es gestern behauptet wurde.