Nur die halbe Wahrheit

Derzeit beschäftige ich mich ein wenig mit Rechtschreibung, Schriftspracherwerb und der (ewigen) Diskussion um LdS. Dabei bin ich auch (mal wieder) auf die Seite von Herrn Jansen gestoßen: Der Grundschulservice. Herr Jansen war einmal Fachleiter für Deutsch und in der Lehrerfortbildung tätig, befindet sich aber schon seit geraumer Zeit im Ruhestand. Er betreibt die o.g. Seite und bietet dort vor allem „Elternbriefe“ an, die wohl vor allem Eltern über Missstände an deutschen Grundschulen aufklären sollen, denn Positives oder gar Konstruktives liest man in diesen Briefen nicht. Sein Hauptfeindbild ist der (Recht-)Schreibunterricht der Grundschule, denn von 23 Elternbriefen haben 11 Briefe dies zum Thema. Zu weiteren Feindbildern kommen wir später.

Ich habe die Seite schon öfter wahrgenommen, aber immer wieder schnell verlassen, weil ich sie recht anstrengend fand. Zudem fühlte mich durch einen Elternbrief nicht angesprochen, ich bin ja das Personal. Heute habe ich mir aber mal hingesetzt und einen Brief genauer gelesen. Es lohnt sich … in gewisser Weise. Ich beziehe mich auf den Brief Nr. 23.

Rein optisch besticht der Brief durch den rosa Hintergrund und die rote Schrift. Das erleichtert das Lesen leider nicht wirklich, soll aber vermutlich die Dringlichkeit des Anliegens deutlich machen. Ein Fakt macht Herr Jansen direkt zu Beginn sehr deutlich:

Elternbriefe-online orientiert sich stets an den neuesten Ergebnissen aus den zuständigen Wissenschaftsbereichen. Sämtliche Informationen wurden sorgfältig recherchiert und sind jederzeit überprüfbar.

Sein Anliegen in diesem Brief ist, dass (Recht-)Schreibunterricht nach LdS Schwächen hat und diese Schwächen (insbesondere bei lernschwachen Kindern) zur Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb und bei der Entwicklung der Rechtschreibkompetenz führen können. Ein Anliegen, mit dem er im Kern recht hat, keine Fragen. Schwierig finde ich aber die Art der Argumentationsführung und seine Praxis in der Verwendung von Zitaten.

Es ist Herrn Jansen außerordentlich wichtig, alle seine Behauptungen korrekt herzuleiten und mit Zitaten aus der (aktuellen) Forschung zu belegen. Leider wird durch die Art und Weise der Textformatierung nicht immer deutlich, wo nun wörtlich zitiert wird und wo er einen Gedanken (vermeintlich richtig) in eigenen Worten wiedergibt.

Ich mache das mal an einem Beispiel deutlich. Herr Jansen zieht die „Expertise „Erfolgreiche Sprachförderung
unter Berücksichtigung der besonderen Situation Berlins““ zu Rate, an der u.a. Frau Valtin mitgewirkt hat, der Herr Jansen wohl sehr schätzt, denn sie zitiert er am Häufigsten. Die Expertise kommt u.a. zu folgender Erkenntnis:

„Die Hinführung zur Struktur der Buchstabenschrift sollte mit der analytisch synthe- ‐
tischen Methode* erfolgen. Abgeraten wird von dem von Reichen propagierten „Lesen
durch Schreiben“, bei dem Kinder mit Hilfe einer Anlauttabelle in der ersten
Jahrgangsstufe das lautorientierte Verschriften erlernen und keinen Leseunterricht
erhalten und nicht die korrekte Schreibweise der Buchstaben üben.“

Leider macht die Studie an dieser Stelle nicht deutlich, was (vermutlich) der eigentliche Grund für das Abraten von LdS und die Bejahung der analytisch-synthetischen Methode ist. Ein Kritikpunkt ist mit Sicherheit, dass kein Leseunterricht stattfindet. Herr Jansen folgert jedoch nun Folgendes:

Die Kernelemente des von Reichen erfundenen Konzepts ‚Lesen durch Schreiben‘ sowie der
daraus hervor gegangenen Lesen-durch-Schreiben-Versionen, das heißt, das Verschriften
mit einer Anlauttabelle, das Freie Schreiben, die Fehlertoleranz, sind nicht „lernförderlich“.

Dabei stellt er diese Aussagen so dar, als sei dies die Quintessenz der Expertise. Böse Anlauttabelle und böses freies Schreiben. Das dem nicht so ist hätte er durchaus feststellen können, wenn er die zitierte und von ihm verlinkte Expertise komplett gelesen hätte. Auf Seite 98 werden dort nämlich Kriterien für guten Anfangsunterricht aufgestellt. Dort heißt es dann wörtlich:

Haben die Schüler und Schülerinnen ausreichend Zeit für freies Schreiben, so dass sie ihre eigenen Zugänge zur Schrift erproben können […]?

Also sagt die Expertise mitnichten, dass die Anlauttabelle und das freie Schreiben abgeschafft gehören, nein, sie gehören sogar zu gutem Anfangsunterricht elementar dazu.

Ich möchte jetzt den Elternbrief nicht komplett durchanalysieren und ich habe auch nicht jedes Zitat geprüft. An vielen Stellen wird leider sehr deutlich, dass Herr Jansen ein großes Problem mit Herrn Brügelmann und Frau Brinkmann hat. Da wird es stellenweise sehr polemisch, wenn ein Foto des Wohnsitzes von Herrn Brügelmann eingebaut wird (das einzige Bild im ganzen Text) oder von Allmachtsphantasien gesprochen wird. Seitenweise versucht er, Herrn Brügelmann durch den Kakao zu ziehen. Mit einer wissenschaftlichen, sachlichen Diskussion zum Thema hat das wenig zu tun.

Irgendwann geht es dann aber wieder um die Sache, sprich um die Anlauttabelle und das freie Schreiben. Hier führt Herr Jansen wieder Frau Valtin ins Feld und einen Artikel aus dem Tagesspiegel von 2006. Inwiefern dies sinnvolle Fachliteratur ist, sei dahingestellt. Er kommt zu dem Schluss:

Prof. Renate Valtin* über ‚Freies Schreiben’/’Lesen durch Schreiben‘ mit der Anlauttabelle: „Renate
Valtin hält diese Methode für schädlich. Die Kinder lernten mit dem rein phonetischen Schreiben eine
falsche Strategie, die sie sich im Laufe ihrer Schulkarriere mühsam wieder abgewöhnen
müssten.“

Im Artikel steht jedoch etwas ganz anderes:

Jetzt will Renate Valtin, die auch Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben ist, erreichen, dass Berlins Schulsenator Klaus Böger (SPD) die Methode „Lesen durch Schreiben“ aus den Grundschulen verdrängt. Besser sei es für die Kinder, mit Schlüsselwörtern Lesen zu lernen. Anlauttabellen könnten aber weiterhin als Hilfsmittel dienen.

Natürlich als Hilfsmittel zum freien Schreiben, wie aus der Expertise deutlich wird. Auch später wird die Behauptung, Frau Valtin wäre gegen freies Schreiben der Kinder, noch wiederholt:

‚Freies Schreiben’/’Lesen durch Schreiben‘ sei ein schädliches Konzept, mit dem die Kinder eine falsche Strategie lernen, […]

Allein die Gleichsetzung von freiem Schreiben und LdS ist de facto falsch. Richtig polemisch wird es dann mit folgendem Schlusswort:

Sie hätte auch ein noch deutlicheres Fazit ziehen können:
Die derzeit praktizierte Schreibdidaktik ist inhuman und kinderfeindlich.

 

Das soll als Anmerkung genügen. Ich finde diese Elternbriefe kann man nicht unkommentiert stehen lassen, wenn vor allem am Anfang so betont wird, dass hier sorgfältig recherchiert wurde. LdS ist mit Sicherheit diskussionswürdig, es gibt mit Sicherheit Entwicklungspotential an einigen Schulen, aber der hier gewählte Weg der „Diskussion“ ist aus meiner Sicht mal so richtig falsch.

Kommentare (4) Schreibe einen Kommentar

  1. Welches Motiv der pensionierte Kollege hat, derart polemisch zu werden, wie du es schreibst, vermag ich nicht zu beurteilen. Zu freiem Schreiben raten aber auch Thomé/Thomé vom ISB-Oldenburg. Günter Thomé von der Goethe Uni in Frankfurt ist einer von denjenigen, die immer wieder als Kritiker von LdS zitiert werden, wenn es um die Rechtschraipkaterstrofen geht. Dennoch rät ein Fachmann des Rechtschreiberwerbs zu freiem Schreiben! Warum aber? Ganz einfach: Guter Rechtschreibunterricht muss sich in den ersten ein bis zwei Jahren konsequent dem Erhalt(!) und Ausdifferenzierung der sog. phonologischen Bewusstheit widmen UND gepaart werden mit eigenaktiven Schreibprodukten der Kinder (u.a. freies Schreiben). Denn die sinnvolle(!) Korrektur von Rechtschreibfehlern und dient zugleich der phonologischen Bewusstheit und somit dem individuellen Rechtschreiberwerbsprozess des Kindes! Einfacher gesagt: Die richtige Korrektur muss zur rechten Zeit erfolgen.

    Mehr dazu: Fela korrigieren –> http://skolnet.de/fela-korrigieren/

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  2. Hallo Herr Emrich,
    ohne jetzt speziell auf Herr Jansen und „Grundschulservice“ einzugehen: ich finde es sehr interessant, was du schreibst bzw. blogst. Neben der Fülle an Materialblogs (bei denen ich jedoch gerne stöbere) finde ich es äußerst gut und wichtig, dass auch methodische und didaktische Themen in Angriff genommen werden. Für mich ist das äußerst bereichernd. Da kann ich nur sagen: Bitte mehr davon!!!

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  3. Pingback: Rechtschreibung: Und was machst du so? | Herrn Emrich schreibt

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