Mieze Mia – (k)eine OER-Erfolgsgeschichte ??

In 14 Tagen findet in Köln das OER-Camp zu freien Bildungsmaterialien statt. Ich werde in diesem Jahr (hoffentlich) zum ersten Mal live dabei sein und möchte vorab, als kleines Warm-Up, über meinen eigenen OER-Erfahrungen reflektieren.

Worum es geht

Vor ziemlich genau 4 Jahren begann ich mit der Arbeit an einer kleinen Arbeitsheft-Serie für den Mathematikunterricht der Grundschule. Unter dem Label „Mathe mit Mieze Mia“ erstellte ich Mini-Arbeitshefte für meine Klasse. In jedem Heft wurde ein kleiner Teilaspekt zum vertiefenden Üben thematisiert, so dass die Hefte bei mir vor allem zur individuellen Förderung eingesetzt wurden.

Da ich zu dieser Zeit auch von der Diskussion um OER-Materialien Wind bekam, entschloss ich mich dazu, die Hefte als OER-Material anzubieten. Ich habe also zur Erstellung ausschließlich freie Quellen für Schriften und Grafiken genutzt (insbesondere die openclipartlibrary und die openfontlibrary) und zu allen Heften neben der fertig gerenderten PDF-Datei auch die Quelldatei angeboten. Anfangs war dies noch MS-Publisher, später dann noch OER-konformer die ODG-Dateien von LibreOffice.

Über die Jahre entstanden so über 50 Hefte, die inzwischen zwar nicht mehr in meinem Blog zu finden sind, dafür aber im ZUM-Wiki. Dort, so meine Hoffnung, wäre es dann für interessierte LehrerInnen noch einfacher, Überarbeitungen an den Heften vorzunehmen und diese zu veröffentlichen.

Eine Erfolgsgeschichte!

Durch die häufigen Umzüge der Hefte und die Verfügbarkeit in mehreren Quellen kann ich nur mit geschätzten Zahlen dienen. Insgesamt dürfte (im Schnitt) jedes Heft etwa 2000 mal heruntergeladen worden sein. Es natürlich zu bezweifeln, dass sie auch in dieser Menge im Unterricht eingesetzt wurden, aber ich selbst war doch einigermaßen erstaunt über die schnelle Verbreitung der Hefte.

Ob die Hefte auch einen (positiven) Effekt auf den Lernfortschritt der Schüler hatten, was ja nicht unerheblich ist wenn es um „Erfolg“ geht, kann ich höchstens aus meinem Unterricht schätzen. Es gibt durchaus Indizien dafür, da die Kinder sehr gerne damit gearbeitet haben und nicht immer gemerkt haben, dass sie jetzt besonderes Fördermaterial hatten, während andere Kinder zur gleichen Zeit an einem Knobelheft saßen. Man macht halt „Mieze Mia“.

Auch die Rückmeldung von Kollegen waren eher positiver Natur, aber auch dies will erstmal nichts heißen, denn kostenlose Sachen kommen immer gut an. Da wird dann (leider) selten mit kritischem Auge drangegangen.

Eine Erfolgsgeschichte?

Dennoch bin ich ernüchtert nach nunmehr 4 Jahren. Es gab von außen keine einzige Überarbeitung der Hefte, die nachher neu veröffentlicht wurde. Und eben dies soll doch das besondere an OER sein, das, was mit OER erst möglich gemacht werden soll. Materialien rechtssicher überarbeiten, Neues erstellen und dann wieder den Kollegen anbieten können.

Dabei musste noch nicht einmal unbedingt ein neues Heft erstellt werden, denn die Hefte hatten (leider/natürlich) den ein oder anderen Fehler intus. Eine ODG-Datei kann jeder überarbeiten, denn das passende LibreOffice gibt es für alle Plattformen kostenlos im Netz und ist auch nicht viel schwerer zu verstehen, als Word oder Powerpoint. Die Mühe gemacht hat sich – (vermutlich) niemand. Oder aber es wurde sich die Mühe gemacht, aber die Überarbeitung fand nicht den Weg ins Netz.

Woran hapert es?

Hier habe ich einige lose Ideen:

  • Es mag für KollegInnen ungewohnt sein, Dateien verändern zu dürfen und das Ergebnis dann auch noch veröffentlichen zu dürfen. Dies widerspricht dem, was mit herkömmlichen Materialien erlaubt war. Vielleicht ist man daher hier (zu) vorsichtig,
  • Die Programm mögen ungewohnt und sperrig sein. LibreOffice ist zwar den bekannten MS-Programmen sehr ähnlich, aber nicht identisch. Das mag abschrecken. Zudem ist es leider so, dass sich nicht alle ODG-Dateien mit jeder Programmversion öffnen lassen. Libreoffice hat da noch den Zwillingsbruder OpenOffice. Letzteres kann aber bspw. keine eingebetteten SVG-Grafiken anzeigen. Hier herrschen also noch Defizite im Handling der offenen Datei-Formate, was vielleicht auch abschreckend wirkt.
  • Vielleicht mangelt es auch an Zeit oder Lust, die Dateien zu bearbeiten. Kolleginnen stoßen ggf. zufällig bei der Recherche nach schnell einsetzbarem Unterrichtsmaterial auf die Arbeitshefte und haben gar kein Interesse daran, etwas Neues zu gestalten.

Mein Fazit

Einen Teil meines Fazits habe ich schon vor einiger Zeit gezogen: Ich verwende nicht mehr (ausschließlich) quelloffene Software zur Erstellung der Materialien. Dann mag es zwar kein OER-Material mehr im engeren Sinne sein, aber wieso soll ich mich verbiegen (müssen), um Möglichkeiten zu schaffen, die eh keiner nutzt. Aus meiner Sicht sind Publisher&Co ihren Opensource-Kollegen noch deutlich überlegen. Zudem lassen sich ja auch Dateien in geschlossenen Formaten bearbeiten und wiederveröffentlichen, auch wenn die entsprechenden Programme weniger verbreitet sind.

Die Erstellung von OER-Material für die Grundschule kann schnell zum Krampf werden, da hier oftmals unterstützendes Bildmaterial nötig ist, welches es nur sehr begrenzt unter OER-tauglichen Lizenzen gibt. Hier muss man dann noch zu oft auf Notlösungen und Kompromisse zurückgreifen, was die Erstellung dann etwas schwierig macht.

Mein Fazit bezieht sich vor allem auf den Grundschulbereich, denn hier unterrichte ich nun einmal. Hier sehe ich noch viel … nennen wir es Entwicklungspotential. Es scheint, als sei vielen KollegInnen OER noch nicht bekannt, so dass die sich ergebenden Möglichkeiten und Chancen ungenutzt bleiben. Auch die Benutzung der Werkzeuge zur Bearbeitung, Erstellung und Wiederveröffentlichung scheint ungewohnt, was ein zusätzliches Steinchen im OER-Getriebe sein könnte. Hier muss wohl noch Aufklärungsarbeit in vielen Ebenen geleistet werden.

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7 Antworten

  1. Matthias sagt:

    Hallo Florian,
    deine Beobachtungen decken sich mit denen, die ich die letzen Jahre mit gpaed.de gemacht habe. Hier versuche ich auch immer eine Word-Datei beizufügen, die ein Ergänzen oder Verändern ermöglicht. Meine Benutzer versuche ich zu ermutigen bestehende Sammlungen zu erweiteren. Wahrscheinlich sind es aber nur ca. 1-2 % der Benutzer, die dies auch umsetzen…
    Lediglich einige Materialsammlungen, an denen mehrere Benutzer mitgearbeitet haben, sind mir auf gpaed.de gelungen. Dafür habe ich aber auch über einen jeweils längeren Zeitraum, per Email die zu erledigenden Aufgaben koordiniert. Das war dann für mich jedesmal recht aufwändig, so dass ich die letzten Monate auch nicht mehr dazu gekommen bin. Aktuell bin ich wieder auf der Suche nach einen Projekt, dass man am Besten auf mehrere Schultern verteilt… Schau mer mal 😉

  2. Valessa sagt:

    Also ich mache ja nun viel, aber ich würde – ehrlich gesagt – NIEMALS auf die Idee kommen, erlaubt oder nicht, Material anderer umzuarbeiten (außer für mich selber) und es dann zu veröffentlichen. Keine Ahnung warum, aber das widerstrebt mir… Trotz ausdrücklicher Erlaubnis.
    LG *valessa

  3. Christiane sagt:

    Hallo Florian,
    sehr spannend dein Bericht. Mir persönlich war gar nicht bewußt, dass ich selber die mia Hefte bearbeiten kann… wobei ich ehrlicherweise zu denen gehöre die gerne nehmen, danke sagen und sich ansonsten still freuen:(
    Deshalb noch mal an dieser Stelle, danke für die super mia Hefte, meine Kinder lieben sie und merken gar nicht, wie sie wiederholen und vertiefen.
    Herzliche Grüße, Christiane

  4. Hallo Florian,
    mir geht es genauso wie Valessa. Manchmal ändere ich etwas an den „abgeguckten“ Materialien für meine Klasse – aber ich muss auch gestehen, dass meine Computerkenntnisse nicht reichen, um dann das geänderte Material wieder einzustellen. Schon dein Bericht klingt mir viel zu kompliziert, mit manchem Begriffen kann ich gar nichts anfangen. Und die Zeit, da nachzufragen und mich einzuarbeiten habe ich nicht – oder will ich mir nicht nehmen.
    Viele Grüße
    Brigitte
    Trotzdem – ich bin ein Fan deiner Mia-Hefte und verwende sie gerne im Unterricht.
    Vielen Dank für deine Arbeit.

  5. Drachi sagt:

    Wie ich an anderer Stelle schon schrieb, nutze ich die Mia-Hefte seit längerem in meinem Unterricht und freue mich daran, wie wie Kinder daran arbeiten. Sie sind immer wieder stolz, wenn sie ein Heftchen bearbeitet haben und freuen sich, wenn sie ein neues Heft beginnen dürfen.

    Ich habe dir im April zwei Überarbeitungen der Uhrzeiten-Hefte geschickt, da in meiner Region die Wendungen „Viertel vor“ und „Viertel nach“ nicht üblich sind. Diese Überarbeitungen konnte ich nicht auf 4teachers.de veröffentlichen, da dies den dort geltenden Regeln nicht entspräche. Auf meinem Blog veröffentliche ich keine Materialien und mit dem ZUM-Wiki mag ich mich nicht beschäftigen, weil ich genügend andere Baustellen habe.

    Ich kann grundsätzlich jeden verstehen, der solche Überarbeitungen nicht vornimmt, da es Schwierigkeiten mit der Kompatibilität der Programme gibt. Ein früherer Versuch von mir war deshalb völlig zum Scheitern verurteilt. Außerdem sind viele Nutzer heruntergeladener Materialien selbst nicht sehr gewandt bei der Erstellung von Materialien und übertragen dies auch auf die Überarbeitung vorhandener Dateien. So kann ich es in meinem Kollegium beobachten.

    Ich bin jedenfalls immer wieder dankbar, dass es die Mia-Hefte gibt und empfehle sie weiter, wann immer sich dies ergibt.

  6. Andre sagt:

    Hallo mal so,
    auf unserem Landesbildungsserver werden zahlreiche Dateien auch in einer bearbeitbaren Version angeboten. Oftmals geschieht dies im Format rtf, da sich dieses in verschiedenen Programmen öffnen und bearbeiten lässt. Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Kollegen die Dateien durchaus anpassen. Ob man nun die Bearbeitungen (die meist nicht sehr umfangreich sind) ebenfalls zum Download zur Verfügung stellen sollte, sehe ich persönlich nicht als unbedingt notwendig. Ausnahme sind natürlich fehlerhafte Dateien … in solch einem Fall wäre es schon schön, im Interesse aller Nutzer.
    Als Problemchen bei den Mia-Dateien fällt mir auf, dass sich zahlreiche Kollegen vor LibreOffice u.ä scheuen und auch keinen Publisher auf dem Rechner haben. Ein weiteres Hindernis sind ggf. die verwendeten Schriftarten, die zwar schön aussehen, aber auf vielen Rechnern nicht vorhanden sind. Beide genannten Dinge sind mit Installationen zu umgehen, aber genau hier tun sich viele schwer. Bevor sie sich eventuellen „Ärger“ ins Haus holen, lassen sie es bleiben.
    Abschließend ist es natürlich immer toll und gut, Materialien unter CC bzw. als OER anzubieten. Den größten Effekt sehe ich nicht darin, dass man von einem Material 10 verschiedene Versionen zur Auswahl hat. Vielmehr setzt sich mit jedem neuen OER-Material die Idee mehr und mehr durch, woraus (hoffentlich) resultiert, dass auch andere Kollegen ihre Materialien derart ins Netz stellen oder stellen lassen. Auch aus diesem Grund ein dickes Dankeschön an Florian.

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