Material seiten: Gestern, heute, morgen?

Des Lehrers liebstes Kind ist Unterrichtsmaterial. Zumindest könnte man dies meinen, wenn man sich die Besucherströme (und das Verhalten) bei Bildungsmessen und ähnlichen Veranstaltungen betrachtet. Lehrer sind jedoch nicht nur Meister im Jagen und Sammeln von Material und lassen nicht nur beträchtliche Summen bei den Bildungsverlagen. Nein, sie erstellen auch große Mengen an Material selbst und teilen dies (kostenlos) mit ihren Mitstreitern. Hierzu nun von mir eine kleine Rück- und Vorschau.

Früher: Materialbörsen

Meine Rückschau beginnt im Jahr 2006, das Jahr, in dem ich selbst aktiv im Schuldienst wurde. Damals setzte man auf 4teachers und „wegerer“. Beide Seiten bieten Lehrern die Möglichkeit, ihre Arbeitsblätter bzw. Arbeitsmaterialien zu veröffentlichen und so auch anderen Lehrern zugänglich zu machen. Damals gab es zwar auch einige wenige private Homepages von Lehrern (u.a. auch schon das Zaubereinmaleins), aber als Materialquelle dienten vor allem die beiden erstgenannten Seiten.

Im Laufe der Zeit gab es dann einige Versuche weitere „Tauschbörsen“ zu etablieren, jedoch versandeten diese Versuche meist recht schnell wieder. Dafür wuchsen die Datenbanken der etablierten Börsen immer weiter an. Bei 4teachers finden sich inzwischen beinahe 50.000 Materialien, viele jedoch für die Sekundarstufe konzipiert.

Für meine persönliche Recherche spielen diese Börsen jedoch kaum eine Rolle mehr. Inzwischen gibt es viele anderen Angebote, die ich weit häufiger nutze.

Heute: Blogs

In den letzten 2-3 Jahren erlebt man für den Grundschulbereich eine neue Entwicklung bzgl. des Materialaustauschs. Viele LehrerInnen teilen ihre Materialien nun auf eigenen Homepages bzw. in privaten Blogs. Auch dort werden die Materialien zur kostenlose Nutzung angeboten. Aktuell dürften es mindestens 30 mehr oder weniger bekannte Seiten im Internet geben, auf denen GrundschullehrerInnen Material zum Download anbieten, teilweise von beachtlicher optischer Qualität. Oftmals wird das Material auch mit finanziellem Aufwand erstellt, wenn z.B. Rechte für Illustrationen gekauft werden müssen. Vorbei sind (Gott sei Dank) die Zeiten, in denen Material mit furchtbar kolorierten Cliparts im Stile der frühen 90er illustriert ist.

Die Bandbreite des Materials erstreckt sich dabei von einfachen Arbeitsblättern über kleine Lernspiele bis hin zu vollständigen Lernkarteien. Ob diese Entwicklung dazu führt, dass die Materialbörsen weniger Neueinstellungen verzeichnen ist mir nicht bekannt.

Doch warum geht der Trend zur eigenen Seite und weg von der zentralen Börse? Ich denke hier gibt es mehrere Aspekte:

Herr das Materials bleiben

Wenn ich Material auf meiner Seite anbiete, dann bleibe ich Herr das Materials. Auch wenn ich es mit anderen Menschen teile und diesen zum Download anbiete, so kann ich es auf meiner Seite weiter überwachen, sehe wie oft es runtergeladen wurde und kann es jederzeit wieder aus dem Netz nehmen. Sollte ich mich jemals entscheiden, das Material kommerziell zu vermarkten, dann kann ich es sofort tun und muss nicht den umständlichen Weg über den Seitenbetreiber nehmen.

Zudem bleibt bei einigen Materialbörsen unklar, welche Rechte ich dem Seitenbetreiber einräume. Ist das Nutzungsrecht, welches ich durch den Upload einräume, im Einzelfall sogar unbegrenzt? Darf der Seitenbetreiber meinen Upload auch kommerziell vermarkten? Muss ich an einem evtl. Gewinn beteiligt werden? All dies könnten Fragen sein, die jemanden dazu veranlassen, lieber auf der eigenen Homepage aktiv zu werden.

Persönliches Prestige

Ein eigener Blog mit eigenem Material bringt natürlich auch Prestige mit sich. Man macht sich selbst einen Namen, man entwickelt seinen eigenen Stil und erlangt einen gewissen Wiedererkennungswert. Die eigenen Materialien gehen nicht unter im 50.000-Dateien-Sumpf einer Materialbörse, sondern können klar erkennbar positioniert werden.

Daneben kann so ein privater Blog natürlich auch die Möglichkeit bieten, sich ein kleines Zubrot zu verdienen: So es über einen Paypal-Button, über eine Wunschliste oder Google-Adwords. Auch wenn man das Material grundsätzlich kostenlos angeboten wird, gibt es immer wieder Menschen, die den persönlichen Einsatz honorieren möchten. Dies geschieht bei einer persönlichen Seite ungleich häufiger als bei einer anonymen Tauschbörse, auch wenn die Materialautoren dort natürlich genannt werden.

Rechtliche Bestimmungen

Zu guter Letzt gibt es auch rechtliche Vorgaben, die die Veröffentlichung auf der eigenen Seite vorschreiben können. Bestimmte Lizenztypen von Illustrationen erlauben nur die Verwendung auf der eigenen Homepage, nicht jedoch auf anderen Seiten.

Nur Vorteile?

Schön finde ich sie, die neue Materialwelt. Tolles Material, das kostenlos angeboten wird und eine große Bandbreite an Einsatzszenarien abdeckt. Doch ist wirklich alles schön?

Wo war das gleich noch?

Wie bereits erwähnt gibt es meiner Wahrnehmung nach derzeit etwa 30 Seiten, auf denen mehr oder weniger häufig Material veröffentlicht wird. Ich selbst habe die meisten Seiten mit meinem Feedreader im Abo und schaue mir die neuen Materialien darüber kurz an. Komme ich dann an den Punkt, dass ich ein neues Unterrichtsthema vorbereit, dann denke ich mir meist: „Da war doch was ….“. Und dann geht das große Suche los. Ich klappere Blog um Blog ab und suche mir einen Wolf, bis ich das Material, an das mich vage erinnert habe, dann endlich gefunden habe.

Durch die breite Streuung an Material auf die vielen verschiedenen Seiten ist eine effektive Recherche leider erschwert worden. Das ist vor allem dann schade, wenn gutes Material dadurch übersehen wird. Daher arbeite ich aktuell an einem kleinen Projekt, welches die Materialien in einer Datenbank sammelt und somit leichter auffindbar macht. Derzeit steckt das Projekt noch in den Babyschuhen, sobald es vorzeigbar ist, werde ich es hier vorstellen.

Hatten wir das nicht schon?

Ein weitere Aspekt, der mir hin und wieder auffällt, ist die relative Ähnlichkeit einiger Blogs und Materialien. Einige Materialien ähneln doch sehr stark bereits vorhandenem Material, sowohl von der optischen, als auch von der inhaltliche Gestaltung. Es entsteht mitunter der Eindruck, dass hier der Wunsch sich selbst mit einer Homepage (und einer Wunschliste) zu positionieren größer ist, als der Gedanke des Teilens einer eigenen Idee. Dies sind aber vermutlich Beobachtungen, die es schon immer in verschiedenen Bereichen des Lebens gegeben hat und immer geben wird. Smartphones sehen irgendwie auch alle aus wie ein Iphone. Der Ökonom vertraut meist darauf, dass es der Markt regeln wird. Mit Sicherheit werden einige Materialangebote dann auch ihren eigenen Stil entwicklen. Es schließlich schon einmal sehr erfreulich, dass überhaupt so viel Material erstellt und getauscht wird.

Quelle der Illustration: Weltbrei auf flickr.com

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.