Mach es dir selbst!

In dieser kleinen Episode möchte ich kurz vorstellen, welches „kleine“ Projekt ich in den letzten Wochen realisiert habe, wie OER/offenes Material auch funktionieren kann … und warum mein Postbote seit gestern Rückenschmerzen hat.

Arbeitsheft – Förderheft – Forderheft

Früher hatten es die Schulbuchverlage noch leicht. Da gab es ein Lehrwerk und dazu ein Arbeitsheft. Eventuell gab es für den engagierten Lehrer noch ein Handbuch und Kopiervorlagen, aber dann war auch wirklich gut. Doch in den letzten Jahren macht sich die Erkenntnis breit, dass – oh Graus – die Lerngruppen heterogen sind, wenn nicht gar inklusiv. Da musste natürlich was geschehen. Der Lehrer braucht dafür dringend das passende Handwerkszeug. Und die Kinder erst. Die müssen doch mit individuell angepassten … naja, auf jeden Fall mit Material versorgt werden. Da braucht so ein Lehrwerk doch bitte ein Förderheft, ein Forderheft, eine Förderkartei, eine Forderkartei und natürlich (ganz wichtig!) ein Inklusionsheft. Auf letzterem wird dann ganz dick hingewiesen mit „Für inklusiven Untterricht geeignet“. Das dieses Heft meistens nur eine Kopie des Förderheftes ist, welches seinerseits nur weniger Aufgaben mit größerer Schrift beinhaltet und sonst dem herkömmlichen Lehrwerk sehr ähnlich ist, soll hier keine Rolle spielen, denn darum geht es mir nicht.

Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld??

Gegen die Hefte an sich ist nichts zu sagen. Sie sind ja teilweise wirklich brauchbar und bieten einem erste Möglichkeiten zu differenzieren. Besonders für starke Schüler schätze ich es sehr, wenn diese an produktiven Aufgaben selbstständig arbeiten können und dabei nicht nur ein „Mehr“ an Arbeitsblättern abarbeiten müssen, sondern an sinnvollen Knobelaufgaben ihr Denken trainieren können. Wenn da nicht das liebe Geld wäre. So ein Knobelheft kostet schnell mal 6€. Zumindest in NRW haben Eltern eigentlich mit dem Elternanteil ihre Schuldigkeit getan. Auf freiwilliger Basis kann natürlich mehr angeschafft werden, aber verpflichtet können Eltern dazu nicht. Manche können auch einfach nicht mehr. Nicht selten machen ja die Arbeitsheftwünsche der Lehrer am Anfang des Schuljahres 20€ aus.

Vor einem ähnlichen Problem stand ich auch: Ich hätte gern ein Knobelheft gehabt für meine Einser und hatte auch eine Idee, wie es aussehen sollte. Allerdings wollte ich nicht für 30 Seiten 6€ zahlen bzw. dies meinen Eltern zumuten. Ich hätte es ja selbst gemacht und kopiert, doch das schulische Kopierbudget freut sich nicht unbedingt über so hohe Kopieraufträge. Zudem hat ein farbiges Arbeitsheft ja durchaus seinen Reiz …

Mach es dir selbst

Also habe ich das Heft selbst erstellt und bei der Druckerei meiner Wahl (mehr aus Spaß) einen Probedruck bestellt. Von der Qualität war ich mehr als begeistert. Für 30 Hefte hätte ich 90€ gezahlt, also 3€ pro Heft. Das war schon einmal billiger als das Heft vom Verlag, zudem konnte ich das Heft frei nach meinen Wünschen gestalten, was ein klarer Vorteil ist. Mehr aus Spaß habe ich dann bei Kollegen nachgefragt, ob diese auch so ein Heft haben wollten. Denn mit höherer Auflage sinkt natürlich der Preis pro Heft.

Ich bekam „ein paar“ Nachfragen. Einige Kollegen boten sich als Korrekturleser an, andere steuerten sogar noch eigene Seiten mit Aufgaben bei. Auf diese Weise entstand ein 64-seitiges Knobelheft im Format A5-quer, welches ich im Vollfarbdruck herstellen ließ. An der Sammelbestellung beteiligten sich nachher sagenhafte 60 Lehrkräfte, diie insgesamt 2500 Hefte bestellt haben. Dadurch sank der Preis pro Heft auf 50 Cent. Zu diesem Preis hätte ich das Heft noch nicht einmal schwarz-weiß kopieren lassen können. Und dann hätte ich es noch selbst tackern und schneiden müssen.

Der kleine Haken: Packarbeit

Der kleine Haken an der Sache war natürlich, dass ich die Hefte an alle Kollegen weiterschicken musste. Da mussten etliche Pakete gepackt zur Packstation gebracht werden. Und mein Postbote musste erst einmal getröstet werden, also er 11 Pakete von der Druckerei mit einem Gesamtgewicht von 300 Kilo in meine Garage stellen musste. Es bestellt halt nicht jeder nur Schuhe bei Zalando 🙂

Insgesamt hat sich das Experiment aber gelohnt. Ich habe für meine Klasse ein Arbeitsheft zu einem echten Schnapperpreis bekommen und konnte 2475 andere Erstklässler mit einem weiteren Mia-Heft beglücken. Ein Forderheft muss eben keine 6€ kosten …

Wie geht es weiter??

Ob das Projekt Zukunft hat? Nun ja … mal schauen. Vielleicht kann man das gemeinschaftliche Sammelbestellen von Arbeitsheften irgendwie als Teilaufgabe eines Vereins entstehen lassen. Gemeinsam Hefte erstellen und dann zu Sammelbestellung anbieten. Profitieren würde man davon auf vielen Ebenen: Die Lehrer entscheiden selbst, wie die Arbeitshefte ihres Unterrichts aussehen; die Eltern sparen sich die Anschaffung teurer Arbeitshefte und die Kinder erhalten (hoffentlich) sinnvoll gestaltetes Material. Das wär doch mal was …

Kommentare (13) Schreibe einen Kommentar

  1. Also, als eine der Kolleginnen, die bald ihre Erstklässler beglücken wird, habe ich auch schon über weitere Möglichkeiten nachgedacht. Ich denke, deine Idee könnte Früchte tragen, wenngleich ich nicht so die Superhefteerstellerin bin …
    Ich würde mich freuen, wenn es eine Zukunft gäbe und würde auch tatkräftig unterstützen.
    Liebe Grüße
    Anja

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    • emrich

      Zum einen sind Tablets in der Grundschule nur in ganz wenigen Modellprojekten vorhanden und in diesen dann auch noch viel seltener in Klassenstärke. Die Vorteile des Arbeitsheftes liegen ja darin, dass der Schüler es jederzeit herausholen und darin arbeiten kann.
      Der Schulbuchomat ist ja (mehr oder weniger) nur die digitale Abbildung eines Papierbuchs. Für so ein Arbeitsheft könnte ich mir jedoch viel besser vorstellen, dass man es zu einer App umfunktioniert, die bei falscher Lösung einer Knobelaufgabe im Optimalfall eine unterstützende oder erklärende Rückmeldung gibt.

      Nichts destotrotz ist eine Veröffentlichung der PDF- und der Quelldatei natürlich fest im Plan.

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  2. Tolles Projekt, das hoffentlich fortbesteht und viele Nachahmerinnen und Nachahmer findet.

    Vor dem Hintergrund, sowas möglicherweise für das eigene Fach umzusetzen, würde mich interessieren:
    – Was für ein Papier (Papierart/Grammatur) wurde für Inhalt und Umschlag genutzt?
    – Für welche Druckerei hast du dich entschieden? Bei den Druckereien, für die ich mich sonst entscheide, habe ich nichts für 50 Cent/Stück gefunden.

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    • emrich

      Wir haben bei https://www.wir-machen-druck.de/Broschuere-mit-Ringoesen-Endformat-DIN-A5-quer-64-seitig,detail,1306.html gedruckt. Die waren in meinen Recherchen unschlagbar billig, wenn dort auch zwischen Bestellung und Auslieferung fast 2 Wochen vergehen und man die schnellere Lieferung teuer bezahlen muss.
      Wir haben 115g-Papier genommen, da 90er zu sehr durchscheint. Leider wird diese Broschüre nur auf „Broschürenpapier“ gedruckt. Dies ist recht glatt und saugt kaum. Daher kann man es zwar mit Bleistift und Kugelschreiber beschreiben (oder diese Frixon-Stifte), aber Gelschreiber und Füller geht leider nicht. Dafür bräuchte man wohl Offset-Papier. Diesbezüglich muss ich nochmal den Kontakt mit der Druckerei suchen, ob dies möglich ist und wie es den Preis verändern würde.

      Den Umschlag haben wir in 250g-Papier gemacht, damit er stabil genug ist.

      Der gute Preis kommt matürlich durch die große Abnahmemenge zustande. Für einen einzelnen Klassensatz zahlt man deutlich mehr.

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  3. Geniale Idee und unschlagbarer Preis!
    Wäre gern bei so einem Projekt dabei, habe aber nicht genug PC-Wissen um solche Seiten selbst zu erstellen – aber Korrekturlesen, das kann ich prima 🙂 !
    LG Heike

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  4. Leider habe ich die Aktion auch verpasst. Auch ich würde gerne mitarbeiten, wenn es wieder eine Sammelbestellung geben soll. Ich könnte mich in mehreren Bereichen einbringen, Bestellung, Versand, Verpackung, Ideenfindung, Erstellung und Layout (nur Publisher und Word), Korrektur, Lösungsheft,
    Ich weiß nicht, was sonst noch gemacht werden muss/müsste, aber ich wäre für vieles bereit.
    Ich finde das ganz toll und bin gespannt, wie es weiter geht.
    Ganz liebe Grüße
    Britta Starke

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  5. Bevor es in zig Förder-, Forder- (übrigens für mich eine der dämlichsten Wortkonstruktionen der letzten Jahre) und sonst wie Heften ausartet, versuche mal ein(!!) Mathebuch für alle Schuljahr zu erstellen. Dabei wäre ich auch behilflich. Vor 5 Jahren hatte ich mir mal die Mühe gemacht, ein eigenes Matheheft aus mehreren Lehrwerken zu erstellen. Ich kam problemlos mit neun DIN A4 Seiten für das dritte Schuljahr hin, mit dem die Kinder dann gearbeitet haben – ohne weiteres Mathebuch. Ich könnte mir also vorstellen, dass man mit ca. 50 Seiten alle Inhalte in allen 4 Schuljahren abdecken könnte. Alternativ, denke ich mir, A5-Hefte für Klassen 1/2 und 3/4.
    Marek

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  6. Was ich damit sagen wollte: Wenn du alle Inhalte frei gibst, braucht es kein „Forderheft“ mehr, weil der Wunsch, schon jetzt Dinge bearbeiten zu dürfen, waa erst die größeren Kinder tun, „Forderung“ genug ist. Das habe ich oft erlebt.

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  7. Die Idee von Marek ist super!!

    Als Ergänzung schwebt mir dann noch ein Rechenjogging-Heft (ebenfalls für alle vier Jahre) vor. Ich bastel grade an einem …. Jeden Tag 2 – 3 min (zwischen 20 und 40 Aufgaben).

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  8. Ich würde auch gern mithelfen, sollte das Projekt fortgesetzt werden ;-).
    Mareks Idee, ein Heft aus mehreren Lehrwerken für alle 4 Jahre zu erstellen, gefällt mir auch sehr gut.
    Kann man dein Knobelheft noch wo erwerben?

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    • Herrn Emrich

      Derzeit habe ich keine Hefte mehr hier. Eine neue Bestell-Offensive ist auch nicht geplant. Sollte jemand anderes bei einer Druckerei eine Sammelbestellung starten wollen, stelle ich natürlich gerne die benötigten Dateien bereit.

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  9. Pingback: Ordentlich Druck machen | Herrn Emrich schreibt

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