Lernen mit allen Sinnen? Schon mal was davon gehört?

Diese Doppelfrage bekam ich in der vergangenen Woche via Twitter gestellt, als ich die Frage stellte, warum man im Anfangsunterricht Buchstaben kneten, prickeln, basteln lässt. Dass es dafür sinnvolle Begründungen gibt, die insgesamt die Motorik des Kindes als Hintergedanken haben, hat sich in der Diskussion gezeigt. Da die Motorik wiederum den Schreibprozess beeinflusst, könnte man also durchaus auch auf einen Effekt schließen, den derartige Übungen auf den Schriftspracherwerb haben.

Ja, und dann dieser Hinweis auf das „Lernen mit allen Sinnen“. Da kam mir wieder ein Aufsatz von Benedikt Wisniewski in den Sinn, der im Sammelband „Schule auf Abwegen“ den „Unsinn mit den Sinnen“ thematisiert. Ich hatte bereits vor einigen Monaten das Buch und insbesondere diesen Artikel hier im Blog vorgestellt. Meiner Meinung nach bringt es folgendes Zitat auf den Punkt:

Man lernt eben nicht mit den Sinnen, sondern mit dem Gehirn und wie effektiv dies geschieht, hängt nicht vom Sinneskanal ab, über den die Informationen eintreffen, sondern von der Art und Weise, wie sie verarbeitet werden. [1]

Ich lernen also nicht mit den Sinnen, sondern nehme mit den Sinnen  Informationen auf. Beim Kneten eines Buchstabens kann ich vielleicht fühlen, dass ein „u“ gebogen und klebrig ist und nach Knete riecht. Beim Schriftspracherwerb wird mir diese Erkenntnis aber nicht weiterhelfen, denn auch das „n“ ist ebenso gebogen, klebrig und „wohlriechend“.

Im weiteren Verlauf der Diskussion bekam ich den Hinweis auf einen Text von Brüggelmann aus dem Jahr 2000 mit dem Titel: „Lernen mit allen Sinnen“, der folgende Aussage zu Tage bringt:

Damit stellt sich die grundsätzliche Frage: Sind die eingangs erwähnten Aufgaben und ähnliche Aktivitäten nach dem Gesagten sinnlos? Es kommt auf das konkrete Ziel […] an. Zur Vorbereitung auf das Lesen und Schreibenlernen beispielsweise machen sie keinen Sinn. Ja, sie können sogar hinderlich sein. [2]

Die „eingangs erwähnten Aufgaben“ meinen hier u.a. das Ablaufen von Buchstaben auf dem Boden. Interessanter an diesem Artikel finde ich jedoch die Tatsache, dass Herr Brüggelmann die beliebte „Faustformel“ des Lernens Behaltens zu Rate zieht:

Man behalte etwa

10% von dem, was man gelesen,

20% von dem, was man gehört,

35% von dem, was gesehen,

50% von dem, was man gehört UND gesehen habe […]

75% von dem, was man wiedergegeben bzw. noch einmal selbst erklärt hat,

95% von dem, was man selbst erarbeitet oder durch eigene Handlung erfahren hat. [3]

Eben jener Fausformel widmet sich u.a. auch Wisniewski, der sie gewissermaßen als urbane Legende entlarvt. Diese ganze Auflistung ist mehr oder weniger eine Erfindung oder ein Zufallsprodukt, dass im Laufe des letzten Jahrhunderts im amerikanischen Raum entstanden ist. William Thalheimer hat sich auf seiner Internetseite ausführlich mit diesem Phänomen beschäftigt und erklärt anschaulich, was es damit eigentlich auf sich hat (und was nicht).

Insofern taugt diese Formel weder zur Begründung eines Lernens mit allen Sinnen, noch zur Untermauerung der Bedeutung des eigenaktiven Lernens (wenngleich es hierfür natürlich andere, gewichtige Gründe geben mag).

Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Erörterung von Maike Looß, die sich mit der Lerntypen-Theorie von Vester beschäftigt und diese entkräftet. Es gibt demzufolge nicht den auditiven, optischen oder haptischen Lerntyp, sondern Lernen benutzt immer den Intellekt. Da können die Ohren noch so fein wahrnehmen, denn das Wahrgenommene muss ja nun einmal auch irgendwie und irgendwo verarbeitet werden.

Als lesenswert erachte ich diesem Zusammenhang auch einen Aufsatz von Joachim Kahlert mit dem Titel: Ganzheitlich Lernen mit allen Sinnen? Plädoyer für einen Abschied von unergiebigen Begriffen

Er stellt fest:

Hilfreicher als die vagen und nahezu beliebig konkretisierbaren Vorstellungen von Ganzheitlichkeit und vom „Lernen mit allen Sinnen“ dürften dabei Erkenntnisse der modernen Lehr-Lern-Forschung sein, wonach nachhaltig wirksames Lernen dann wahrscheinlich wird, wenn

  • attraktive Ziele erkennbar sind
  • bereits vorhandene Vorstellungen möglichst intensiv stimuliert werden
  • der Unterrichtsstoff in vielfältige Bezüge eingebettet ist.

Lernen wird nicht durch bloße Sinnesvielfalt […] angeregt, […]. [4]

In einem weiteren Artikel von Maike Looß heißt es schließlich:

So besteht auch in Konzepten zum handlungsorientierten Lernen die Gefahr, das Handeln zu einem Ersatz für das Nachdenken zu machen.
Ein ehrliches Argument wäre, wenn man mit handlungsorientiertem Unterricht auch und nicht zuletzt gegen die Langeweile (bei Schülern) und Disziplinierungsproblemen im Unterricht angehen wollte. Der Spaß im Unterricht sollte jedoch nicht den häufig recht mühsamen Lernprozess selbst ersetzen. [5]

Wieso ich das alles Schreibe? In erster Linie um zum Nachdenken anzuregen. Vielleicht kann/darf/muss es doch ein bisschen weniger „Klicki-Bunti“ und „Sinnesparcours Buchstabe“ sein, und dafür mehr beziehungsreiches und kognitiv-anregendes Üben an der Sache.

Auf jeden Fall kann jetzt sagen: Ja. Lernen mit allen Sinnen habe ich schon mal gehört. Und auch etwas darüber gelesen.

Meine Zitate:
[1]: Brügelmann, Hans. Lernen mit allen Sinnen. In: Die Grundschulzeitschrift 137/2000. S. 51-53
[2]: Wisniewski, Benedikt: Der Unsinn von den Sinnen. In: Schule auf Abwegen.
[3]: Brügelmann, Hans. Lernen mit allen Sinnen. In: Die Grundschulzeitschrift 137/2000. S. 51-53
[4] Kahlert, Joachim: Ganzheitlich lernen mit allen Sinnen. http://www.widerstreit-sachunterricht.de/ebeneI/superworte/ganzheitlichkeit/kahlert.pdf
[5] Looß, Maike: Lerntypen? http://www.ifdn.tu-bs.de/didaktikbio/mitarbeiter/looss/looss_Lerntypen.pdf
Zudem: Looß, Maike: Von den Sinnen. http://www.ifdn.tu-bs.de/didaktikbio/mitarbeiter/looss/looss_Von_den_Sinnen.pdf

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7 Antworten

  1. Marek sagt:

    Die Dinge, die du hier anspricht, frage ich mich auch immer wieder: Was soll das Ganze? Wenn ich Fußballspielen lernen will als Kind, dann nehme ich mir einen Ball und lege los. Aber ich laufe nicht im Sand herum, lege einen Ball mit Springseilen aus, stelle auch nicht einen Fußball aus Knete mit den Füßen her, sondern ich SPIELE mit dem Fußball, lege los und versuche immer besser zu werden – auch durch die Hilfe von Anderen!

    Zu deinem Artikel passt ganz wunderbar auch „Verstehen fördern und Verstehen verhindern“ http://youtu.be/qT5ciUvE8c0 Die Darbietung ist zwar äußerst schwach – der Prof liest nur ab -, aber der Inhalt ist dafür sehr erhellend. Es gibt auch ein kleines gelbes Reclam-Heft vom gleichnamigen Autor. Hmmm, ich habe es gerade verliehen, ich erinnere mich nicht genau an den Titel…

    Gute Nacht

    P.S.
    Ich finde es ganz wunderbar, dass du in den letzten Monaten so vieles hinterfragst. Ich lese seitdem auch deutlich öfter hier. Aber vergiss auch nicht das erste Gebot des Glücks: „Du sollst nicht zu viel hinterfragen!“ Denn je mehr du hinterfragst und dies kund tust, desto mehr fühlen sich Dritte ggfs. infrage gestellt, auch wenn das gar nicht deine Intention ist. Aber ob jemand deine Worte auf sich selbst bezieht und sie persönlich nimmt, vermagst du ja nicht zu beeinflussen. Und Lehrer sind da ein ganz eigenes und sensibles Völkchen – deswegen braucht es ja vermutlich auch so viel Lobhudelei in den Foren und Blogs etc… Ich komme vom Hölzchen aufs Stöckchen. Nu schnellllll wech hier 😉

  2. Karin sagt:

    Hallo,
    ja – ich kann es nachvollziehen und befürworte es unbedingt das Konzept „Lernen mit allen Sinnen“ realistisch und begrenzt zu sehen. Ich kann auch das Unbehagen nachvollziehen, dass einem manchmal in der Praxis so befällt, wenn man das Gefühl hat es ist vor allem wichtig, dass etwas schön designt ist oder wenn es einem Schlagwort entspricht. Oder wenn es von Seminarleitungen plakativ von den Referendaren gefordert wird, von wegen man muss bei einem Weihnachtsgedicht unbedingt auch etwas weihnachtliches riechen (Begründung: Lernen mit allen Sinnen) – so ein Quatsch. Das Gedicht kann für sich wirken und für die Erfassung des Gedichtes brauche ich keinen Geruch…. Insofern bin ich auch unbedingt fürs Hinterfragen.
    Gleichzeitig:
    Für eine wirkliche Begründung hier für das Konzept „Lernen mit allen Sinnen“ habe ich im MOment nicht die Zeit. Dennoch: die von dir angegebenen Autoren wie Brügelmann und Kahlert sind weit davon entfernt Empiriker zu sein. Sie machen also genauso Setzungen, wie es die Vertreter des Konzepts „Lernen mit allen Sinnen“ machen. Schaut man sich jedoch die Befunde der Neuropsychologie und Kognitionspsychologie an, kommt man sehr schnell zu dem Schluss, dass ein Lernen, dass irgendwie es auch schafft emotional das „Lernsubjekt“ anzusprechen höhere Chancen verspricht, dass das Subjekt sich entscheidet diese INhalte auch zu behalten. Geht man von der Kognitionspsychologie aus, dass Lernen ja immer ein Umstrukturieren von bereits vorhandem Wissen ist und etwas mit neuer Vernetzung zu tun hat: auch da finde ich eine Begründung. Wenn ich den neuen Inhalt mit vielfältigen Erfahrungen in Verbindung bringe, erhöhe ich die Wahrscheinlichkeit für eine effektive Speicherung und einen effektiven Abruf. Empirisch gesehen spricht für ein sinnen-orientiertes Lernen mehr, als gegen ein solches Lernen. Brügelmann und Kahlert in allen Ehren.

  3. Marek sagt:

    Karin, den emotionalen Aspekt beim „Lernen mit allen Sinnen“ ist sehr gut verständlich und nachvollziehbar.

    Du schreibst;
    „…dass ein Lernen, dass irgendwie es auch schafft emotional das “Lernsubjekt” anzusprechen höhere Chancen verspricht, dass das Subjekt sich entscheidet diese INhalte auch zu behalten“

    Aber nimmt man dabei nicht an, dass das Subjekt nicht lernen will? Beim Schreibenlernen ist es doch eher so, dass die (meisten) Kinder von sich aus wollen. Und erst durch die bisweilen künstlichen Bremsen, wie z.B. „Malen im Sand“ usw. in ihrem Lerneifer gehemmt werden und erst dadurch so manches Kind die Lust verliert. Irgendwie beißt sich die Katze da für mich in den Schwanz.

    Ich denke ja, dass das ganze Drumherum nicht per se Unfug ist – ganz im Gegenteil für manche Kinder sehr wichtig sein kann -, es stellt sich aber die Frage, ob alle Kinder immer alles absolvieren sollen? Da habe ich meine Zweifel aus genannten Gründen.

  4. Sabine sagt:

    Vielen Dank für diesen gut recherchierten Artikel. Ich lese hier mit großem Interesse und habe schon einiges für meinen Unterricht daraus mitgenommen. Aber könntest du deine Beiträge bitte auch als audio-Version anbieten, damit zumindest noch mein Hörsinn angesprochen wird 😉
    LG Sabine

  5. Marek sagt:

    Eine audio-Version ist eine gute Idee. Bestimmt könntest du dafür, Florian, eine gewisse Sabine engagieren! 😉

  6. Sabine sagt:

    Nee, die hat gerade St. Martin mit allen Sinnen durchlebt und sich bei 1001 Martinsveranstaltung heiser gesungen…

  7. Herrn Emrich Herrn Emrich sagt:

    Ich vertraue da voll auf die Vorlesefunktion des Google-Übersetzers 🙂
    Lässt sich leider hier nicht verlinken …

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