Lektüre zur Rechtschreibung

Kein Thema der Grundschule wurde von externen Beobachtern in den letzten Jahren so heiß diskutiert, wie der Rechtschreibunterricht. Einen Teil der öffentlichen Diskussion habe ich hier im Blog nachgezeichnet, zudem sind einige weitere Artikel in der Kategorie „Rechtschreibung“ veröffentlicht.

Bereits vor einigen Monaten ist der 140. Mitgliedsband des Grundschulverbands erschienen. Dieser befasst sich unter dem Titel „Rechtschreiben in der Diskussion“ erneut mit dem Thema, nachdem der letzte Band hierzu aus dem Jahr 2000 datiert.

Ich möchte das Buch an dieser Stelle ausdrücklich empfehlen, wenngleich es mich in gewisser Weise auch enttäuscht hat. Enttäuscht, weil ich erwartet/erhofft hatte, dass der Grundschulverband eindeutiger Position bezieht, als er es in dem Werk tut. Doch hierzu später mehr. Das Buch ist in drei Teile gegliedert: eine Art Vorstellungsrunde, einen Überblick über die Forschungslage (der jedoch nur Teilaspekte herausgreifen kann) und eine Sammlung unterrichtspraktischer Anregungen.

Allein der erste Teil des Bandes zeigt für mich schon das Dilemma, in dem man in der Grundschule steckt. Es werden nicht weniger als 14 (!!) didaktische Positionen bzw. Ansätze für den Rechtschreibunterricht vorgestellt. Ich vermute einmal, dass man damit noch nicht einmal in Gänze abdeckt, was an deutschen Grundschulen praktiziert wird. Teils stellen dabei die Urheber ihre Konzepte selbst vor, teils wird das Konzept von deren Anhängern erläutert. Von Sommer-Stumpenhorst bis Reichen wird hierbei alles geboten. Dabei erfolgt jedoch keinerlei Einordnung oder kritische Auseinandersetzung mit den Konzepten oder den darin aufgestellten Thesen. Dies wird dem Leser selbst überlassen, indem empfohlen wird, die Konzepte zum Beispiel mit den Empfehlungen der KMK zur Arbeit in der Grundschule abzugleichen. Auch eine Verknüpfung der „Vorstellungsrunde“ mit dem fachdidaktischen zweiten Teil fehlt. Hier obliegt es dem Leser zu entscheiden, welche Konzepte die theoretischen und empirischen Erkenntnisse am ehesten berücksichtigen. Dabei ist die Verschränkung dieser beiden Teile durchaus interessant. Während Peschel im Rahmen seiner Konzeptvorstellung beispielsweise folgende (steile) These aufstellt „Lautierübungen werden nicht durchgeführt, denn entweder kann jemand Laute heraushören oder nicht […]“ (S. 77), befasst sich Scheerer-Naumann in einem Aufsatz im zweiten Teil des Bandes mit der Frage, wie Kinder mit besonderen Schwierigkeiten (z.B. in der Phonemanalyse) gefördert werden können. Sie führt hier unter anderem eine Studie von Hatz/Sachse an, die bestätigt, dass „[…] die direkte Förderung der alphabetischen Schreibstrategie im 1. Schuljahr die Rechtschreibleistung der langsamen Lerner deutlich verbessert.“ (S. 202)

Einzig der dritte Teil des Bandes hat mich insofern überzeugt, als dass hier viele Anregungen für die Praxis gegeben werden, die deutlich über das hinausgehen, was man in Lehrwerken oder Übungsheftchen so findet. Guter Rechtschreibunterricht besteht eben keinesfalls nur aus dem Abarbeiten der Hefte 1-4 aus dem Verlag des Vertrauens, sondern auch aus der (gemeinsamen) Reflexion über Rechtschreibphänomene und der Arbeit an eigenen Fehlerwörtern.

Insgesamt stellt der Band die große Vielfalt des Rechtschreibunterrichts gut dar. Allein aus diesem Grund lohnt sich schon die Lektüre. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Konzepten wird man jedoch leider nicht finden. Hierzu wurde zwar auf den Seiten des GSV ein eigenes Forum angelegt, jedoch ist dies bisher eher kläglich gefüllt.

Ebenfalls zum Thema „Rechtschreibung“ ist aktuell ein Heft der Zeitschrift „deutsch differenziert“ erschienen. Insgesamt finde ich diese Ausgabe sehr lohnenswert, allein schon wegen der Basisartikel von Thomé/Thomé/Corvacho del Toro und Scheerer-Neumann, die sich mit den Stolpersteinen des Rechtschreiberwerbs beschäftigen. 15,00€ für das Einzelheft sind ein stolzer Preis, aber vielleicht gibt es das Heft für interessierte Lehrkräfte ja auf der didacta etwas günstiger.

Kommentare (4) Schreibe einen Kommentar

  1. Und um das Thema noch zu vertiefen, zwei interessante Bücher zum Thema:
    Katja Siekmann (Hrsg.): Theorie, Empirie und Praxis effektiver Rechtschreibdiagnostik. Tübingen 2014. Spannend zum Thema Lauttreue, SAM und der Verbindung Diagnostik und Fördermaßnahmen.
    Kruse/Reichhardt (Hg.): Wie viel Rechtschreibung brauchen Grundschulkinder? Führt m.E. die Diskussionen des Grundschulverbandes ein wenig weiter.
    Und dann noch das Konzept der Rechtschreibwerkstatt, welches die o.g. Handreichung mit entsprechenden Übungen/Methoden erweitert.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.