#Krimi zum Dritten: Einen Krimi schreiben

Für den dritten Teil meiner Darstellungen rund um die Krimi-Reihe möchte ich ein wenig weiter ausholen. „Aus Gründen“ habe ich mich im letzten halben Jahr intensiv mit Schreibförderung, Schreibentwicklung und dem Schreibprozess befasst. Eher durch Zufall bin ich auf die Bücher von Maik Phillip gestoßen, der (aus meiner Sicht) äußerst fundiert (und empirisch belegt!) darlegt, welche Bedingungsfaktoren Schreiben gelingen und scheitern lassen und wie schulische Förderung gelingen kann. Dabei fügt er zahlreiche Studien und Untersuchungen der letzten 30 Jahre zusammen und entwickelt daraus Handlungsempfehlungen für den Schreibunterricht. Ein Vorgehen, dass ich in der hiesigen fachdidaktischen Diskussion bisher eher vermisst habe. Daher möchte an dieser Stelle (einen Teil) seiner Arbeit in meine Überlegungen zu den Krimis einbinden.

Der Schreibprozess

Schreibprozessmodelle sind nichts Neues. Allerdings bringt M. Phillip ein bewährtes Modell von J. Hayes in eine schlüssige Darstellung, welche noch ein wenig verändert habe:Modell der Schreibkompetenz

Grundsätzlich wird der Schreibprozess hierbei in drei Phasen untergliedert: Planen, Verschriften, Revidieren. Elementar für die Koordination der Prozesse ist die Selbstregualtion des Schreibers, mit deren Hilfe er den Schreibprozess eigenständig und zielgerichtet initiiert und überwacht und bei Problemen entsprechende Maßnahmen zur Bewältigung einleitet.

Alle drei Phasen des Schreibprozesses werden zudem von individuellen und kontextuellen Ressourcen bzw. Komponenten ergänzt und beeinflusst. So spielt beispielsweise die eigene Lesekompetenz im Revisionsprozess eine entscheidende Rolle, da der selbst produzierte Text gelesen und verstanden werden muss. Wenn die Kohärenz des Textes als Ganzes eingeschätzt werden soll und hierfür Informationen aus dem gesamten Text erfasst werden müssen, ist dies bereits ein gehobenes Lesekompetenzniveau.

Bei den individuellen Ressourcen handelt es sich überwiegend um kognitive Teilprozesse des Schreibens. Dementsprechend nimmt das Arbeitsgedächtnis als sprachverarbeitende Instanz im Schreibprozess, insbesondere bei Grundschulkindern, eine entscheidende Funktion ein. Da das Arbeitsgedächtnis physiologisch bedingt nur eine begrenzte Kapazität hat, fungiert es im Schreibprozess als eine Art Nadelöhr, welches besonders bei Schreibanfängern durch die Fokussierung bestimmter Teilprozesse bereits voll ausgelastet ist. (Phillip 2015, S. 19ff)

Hieraus lässt sich die Konsequenz ziehen, dass eine effektive Förderung der Schreibkompetenz versuchen muss, den Schreibprozess durch Unterstützung bestimmter Teilkomponenten zu entlasten, wodurch dann wiederum Kapazitäten für die Fokussierung der elementaren Schreibprozesse frei werden.

Und jetzt mit Krimi

Ich werde einmal kurz umreißen, wie diese Entlastung in den einzelnen Teilkomponenten bzw. Bedingungsfaktoren aussehen kann:

Wissen zum Thema

Will ich in einer Kriminalgeschichte das Vorgehen der Ermittler anschaulich und spannend darstellen, muss ich Kenntnisse darüber haben, welche Methoden Ermittlern zur Verfügung stehen. Dies klingt sehr simple, aber wenn in meinem Erwartungshorizont steht, dass die Kinder eine spannende Geschichte entwerfen, die nach dem  Whodunit-Prinzip Schritt für Schritt aufgelöst wird, dann muss ich zuerst dafür sorgen, dass die Kinder dazu auch das passende Handwerkszeug haben. Kriminalfälle werden nicht nur auf brachiale Till-Schweiger-Manier mit Maschinengewehren gelöst, sondern oftmals elegant mit Kohlepulver, Zeugenaussagen und Beweisstücken. In einer Folge von Willi wills wissen (Dem Verbrechen auf der Spur) werden die Methoden der Kriminalpolizei für Kinder recht anschaulich dargestellt. Hier können die Kinder Wissen zum Thema aufbauen, welches sie dann für die Produktion eigener Krimis nutzen können.

Linguistisches Wissen

Die Arbeit mit Wortspeichern lohnt sich nicht nur in Mathematik und im Sachunterricht, sondern ganz besonders auch bei der Arbeit mit Krimis: Beweis, Alibi, Verdächtiger, Zeuge, Motiv, … die Liste der relevanten Fachbegriffe ist lang. Auch Wortschatzarbeit zu bestimmten Wortfeldern oder spannungserzeugenden Adjektiven kann hier den Aufbau linguistischen Wissens (und damit den Schreibprozess) unterstützen.

Textsortenwissen und Aufgabenschema

Hier kommt nun der bereits vorgestellte Krimiplaner ins Spiel. Haben die Kinder im Vorfeld eine gewisse Anzahl an Kriminalgeschichten mit dem Krimiplaner untersucht, dann haben sie dabei (implizit wie explizit) an verschiedenen Modellen Textsortenwissen aufgebaut. Sie haben die grundlegende Struktur der Kriminalgeschichte verstanden, gestalterische Merkmale kennengelernt und sprachliche Umsetzungsformen untersucht.

Gerade dieses Modellieren ist es, was mir bei vielen fertigen Unterrichtsvorschlägen fehlt. Da werden Kriterien formuliert, Tippkarten an die Hand gegeben, Texte in Schreibkonferenzen besprochen und anschließend überarbeitet. Mir erscheint es jedoch wesentlich effektiver, den Kindern im Vorfeld einmal gezeigt zu haben, wie ein gutes, fertiges Produkt aussieht und wie man so ein Produkt herstellt.

Dies sind für mich die drei Kernelemente, die in meinem Unterricht größere Schreibanlässe begleiten. Natürlich gibt es noch weitere „Pfeile“ die den Schreibprozess direkt oder indirekt beeinflussen. Auch dort versuche ich Entlastung und Förderung anzubieten. Mit dem „Paired writing“ zum Beispiel können (schwächere) Schüler einen eigenen Text schreiben, ohne dabei selbst schreiben zu müssen. Eine stetige Förderung der Lesekompetenz sorgt dafür, dass die Schüler ihre eigenen Geschichten auch verstehen können. Dies mag banal klingen, aber zu erkennen, dass in einer Geschichte ein zu Beginn entwickeltes Problem auch wirklich aufgelöst ist, setzt schon eine erhöhte Lesekompetenz voraus.

Schreibförderung effektiv gestalten

Zum Abschluss dieses etwas längeren Beitrags habe ich noch eine Grafik, die ich in ähnlicher Form auch bei M. Philipp gefunden habe. Dort sind verschiedene Schreibförderansätze nach Effektstärken sortiert aufgeführt. Interessant daran finde ich, dass die Schreibkonferenz, der in Grundschule sehr viel Zeit geopfert gewidmet wird, vergleichsweise wenig Effekt hat. Es scheint so, als würde es sich viel mehr lohnen, zumindest einen Teil dieser Zeit in die Vermittlung von Schreibstrategien und Textstrukturwissen zu investieren.

Effektivität von Förderansätzen

Kommentare (4) Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank für die tolle Zusammenfassung! Sobald ich wieder aktiv im Schuldienst bin, werde ich meinen Schreibunterricht umstellen :-).

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  2. Ich finde deine Beiträge immer sehr interessant, weil du über die Methoden nachdenkst und uns davon berichtest. Ich beschäftige mich auch intensiv mit dem Schreiben von Geschichten und möchte daher fragen, welche Bücher du von Maik Phillip empfehlen kannst.
    Danke für deine Beiträge!
    LG

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