Filme ansehen – mit Strategie?

Bei der Arbeit an den Lernportfolios zu den Römern durften die Schüler*innen von Herrn Emrich auch im Netz recherchieren. Dabei wurden auch diverse Sachfilmbeiträge entdeckt und schnell kam die Frage auf, ob man die denn auch anschauen dürfe. Dies wurde nicht verneint, denn ein (guter) Sachfilm bietet mit Sicherheit ebenso gute Informationen wie ein Sachtext. Gebannt schaute man sich daher dann verschiedene Filmbeiträge an, wie zum Beispiel diesen hier. Im Anschluss daran fiel es den Kindern jedoch gar nicht leicht, die Informationen des Films für die Gestaltung der Portfolios zu nutzen. Und eigentlich ist das auch nicht verwunderlich, oder?

Für des Lesen eines Sachtextes erlernen die Schüler*innen im Lauf der Grundschulzeit verschiedene Lesestrategien (was unter anderem auch in den Bildungsstandards der KMK verankert ist). Ein solches „Strategie-Modell“ zur Erschließung eines Sachtextes ist z.B. die 5-Gang-Lesetechnik von Klippert (zu der ich hier eine kleine Übersicht erstellt habe). Ich frage mich nun, ob es a) so ein Modell auch für den Umgang mit (Sach-)filmen gibt oder b) ob sinnvoll, dieses Modell auf Sachfilme zu übertragen.

Im Zuge der Digitalisierung ist zu erwarten, dass Sachinformationen in Zukunft vermehrt über das Medium „Film“ an Lernende herangetragen wird. Bisher kamen Schüler*innen in der Regel nur als Klasse mit einem Film in Berührung: die Lehrkraft spannte die Filmrolle in den Projektor und schaute gemeinsam mit der Klasse den Film. An (aus der Sicht der Lehrkraft) geeigneten Stellen unterbrach die Lehrkraft den Film, stellte Fragen oder ließ gesehenes zusammenfassen. Im Optimalfall hätte dann am Ende des Filmvortrags jeder Bescheid gewusst, was in dem Film erklärt wurde.

Mit Hilfe von digitalen Medien (Breitbandinternet, Computer, Tablets, Smartphones, …) kommt es jedoch früher oder später zu der Situation, dass sich Schüler*innen individuell mit einem Film auseinandersetzen. Meine These/Vermutung ist, dass Lernende nicht (immer) von alleine in der Lage sein werden, einen Film von einer gewissen Länge zu verstehen und selbständig mit den aufgenommenen Informationen weiterzuarbeiten. Bei Hörmedien gelingt dies Schüler*innen auch verschieden gut, was u.a. auch die Ergebnisse des diesjährigen VERA-Durchgangs zeigen (dazu am Ende noch mehr). Genauso, wie ich mir einen Sachtext unter Zuhilfenahme von Lesestrategien zu eigen machen, um die darin enthalten Informationen zu entschlüsseln und zu verstehen, genauso bräuchten die Lernenden doch vermutlich auch Anleitung, wie man sich einen Sachfilm zu eigen machen kann. Gibt es hierzu schon didaktische Überlegungen? Dann wäre ich über Hinweise in den Kommentaren sehr dankbar. In den Lehrplänen (des Landes NRW) spiegelt sich dergleichen leider noch nicht wieder: zu „Lesestrategien nutzen“ gibt es einen eigenen Lehrplanbereich, bzgl. Filmen heißt es lediglich: „nutzen Angebote in Zeitungen und Zeitschriften, in Hörfunk und Fernsehen, auf Ton- und Bildträgern sowie im Internet und wählen sie begründet aus.“ Nutzen ist nicht gleich verstehen. Nutzen ohne verstehen ist eigentlich auch nutzlos, oder?

Wenn man den Versuch macht, die 5-Gang-Lesetechnik auf den Umgang mit Filmen zu übertragen, kommt man an einigen Stellen an Grenzen, während anderes gelingt.

Sachtext lesen Sachfilm ansehen
Überfliegen

  • Lies die Überschrift
  • Welche Wörter springen dir ins Auge?
  • Vermute, wovon der Text handelt
Überfliegendes ansehen nicht möglich. Ggf. existiert ein Trailer oder Begleittext zum Film, der erste Informationen zum Inhalt liefert?
Fragen stellen

  • Stelle W-Fragen an den Text
  • Beachte auch die Aufgabenstellung
Fragen stellen

  • Stelle W-Fragen an den Film
  • Beachte auch die Aufgabenstellung bzw. deinen Rechercheauftrag bzw. dein Interesse
Gründlich lesen

  • Lies den Text gründlich
  • Kläre unbekannte Wörter
  • Unterstreiche wichtige Informationen
Aufmerksam ansehen

  • Sieh den Film aufmerksam an
  • Kläre unbekannte Begriffe
  • Achte im Film auf Zusammenfassungen oder Einblendungen, die wichtige Informationen zusammenfassen
Wichtiges zusammenfassen

  • Mache Notizen zu wichtigsten Informationen
  • Verwende dabei eigene Formulierungen
Wichtiges zusammenfassen

  • Unterbreche den Fillm an geeigneten Stellen und mache dir Notizen zu wichtigen Informationen
  • Verwende dabei eigene Formulierungen
Wiederholen

  • Wiederhole die Informationen des Textes mit eigenen Worten
  • Bearbeite Aufgaben zum Text
Wiederholen

  • Wiederhole die Informationen des Filmes mit eigenen Worten
  • Bearbeite Aufgaben zum Text

Eine andere Übertragung wäre der Versuch, das Kompetenzstufenmodell des Lesens bzw. Zuhörens auf Filme zu übertragen. Für die konkrete Unterrichtspraxis bringt dies allein jedoch noch keinen Gewinn:

Kompetenzstufen Zuhören Kompetenzstufen Lesen
Niveau 1:  Wiedererkennen und Erinnern prominenter Einzelinformationen Niveau 1: explizit angegebene Einzelinformationen identifizieren
Niveau 2: Benachbarte Informationen miteinander verknüpfen und den Text genrespezifisch zuordnen Niveau 2:  benachbarte Informationen miteinander verknüpfen
Niveau 3: Verstreute Informationen miteinander verknüpfen, der Vorlage paraverbale Informationen abgewinnen und den Text ansatzweise im Ganzen erfassen Niveau 3: verstreute Informationen miteinander verknüpfen und den Text ansatzweise als ganzen erfassen
Niveau 4: Auf der Ebene des Textes wesentliche Zusammenhänge erkennen, die Gestaltung reflektieren und versteckte Einzelinformationen erinnern Niveau 4: für die Herstellung von Kohärenz auf der Ebene des Textes wesentliche Aspekte erfassen
Niveau 5: Interpretieren, Begründen, Bewerten und anspruchsvolle Erinnerungsleistungen Niveau 5: auf zentrale Aspekte des Textes bezogene Aussagen selbstständig begründen

Für Denkanregungen, Hinweise, Linktipps, Zustimmung und Ablehnung in den Kommetaren bin ich sehr dankbar!

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Gtue Hinweise (Strategien) im Umgang mit Filmen im Unterricht finden sich in der Fremdsprachendidaktik und Methodik!

    Antworten

  2. Hallo,
    ich finde deine Gegenüberstellung schon sehr hilfreich und vor allem praktikabel. Wer sich viel mit Filmen didaktisch auseinandergesetzt hat, ist Prof. Ulf Abraham. Ich habe gerade seine Publikationsliste überflogen, aber mir ist keine markante Veröffentlichung die spezifischer für deine Frage wäre aufgefallen. Am ehesten trifft es u. U. noch folgende:
    “Stills” aus Filmen beschreiben – Der Strömung im Fluss der Bilder widerstehen. Überlegungen zur Untrennbarkeit von Sprachdidaktik und Medienpädagogik. In: Peter Klotz/ Christine Lubkoll (Hrsg.): Beschreibend wahrnehmen – wahrnehmend beschreiben. Sprachliche und ästhetische Aspekte kognitiver Prozesse. Freiburg/Br.: Rombach 2005, 153-164.
    Aber ich vermute, sie ist zu allgemein.
    Grüße
    Karin

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.