Diktieren verboten (streng verboten!)

Der heutige Nachmittag sollte eigentlich dem kommenden Elternsprechtag gewidmet sein, doch eine Diskussion an anderer Stelle hat mich (wieder einmal) herausgefordert, ein paar Zeilen zu schreiben.

In der genannten Diskussion ging es um Diktate und Rechtschreibbewertung im Allgemeinen. Im Laufe der Diskussion fiel dann folgender Satz:

Reine ‚Diktate‘ zu schreiben ist doch gar nicht mehr erlaubt …

Da die dort schreibende Kollegin, wie ich, aus NRW kommt, beziehe ich mich natürlich mit Folgendem nur auf NRW. Dieses Gerücht, dass Diktate verboten seien, höre ich vergleichsweise oft, vor allem wenn ich Kollegen von anderen Schulen darlege, dass wir an unserer Schule Diktate schreiben und diese sogar benoten.

Sucht man bei Google nach dem Verbot von Diktaten, so findet man auch direkt 141.000 Treffer. Das ist üppig. Nur die Vorschriften an Schulen macht nicht Google, sondern das Ministerium. Ich habe die BASS, die AO-GS und das Schulgesetz bemüht. Doch in keinem dieser Gesetzesvorschriften taucht ein Paragraf auf, dass Diktate verboten sind. Nein, noch nicht einmal das Wort „Diktat“ taucht dort auf.

Verboten sind sie also nicht, die Diktate. Zumindest nicht explizit und grundsätzlich. Am ehesten vielleicht könnte man die allgemeinen Vorgaben zur Leistungsbewertung auf die früher übliche Diktatpraxis beziehen, bei der im Wochenturnus ein wildfremder Text ungeübt diktiert und bewertet wurde.

Zur Leistungsbewertung im Allgemeinen gibt es nämlich folgende Aussagen:

(1) Zur Feststellung des individuellen Lernfortschritts sind nach Maßgabe der Lehrpläne kurze schriftliche Übungen zulässig. Schriftliche Arbeiten werden in den Klassen 3 und 4 in den Fächern Mathematik, Deutsch und Englisch geschrieben. (§5.1 AO-GS NRW)

 

Die Leistungsbewertung soll über den Stand des Lernprozesses der Schülerin oder des Schülers Aufschluss geben; sie soll auch Grundlage für die weitere Förderung der Schülerin oder des Schülers sein. […] Die Leistungsbewertung bezieht sich auf die im Unterricht vermittelten Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten. (§48 Schulgesetz NRW)

Ob die oben erwähnten, ungeübten Diktate, die keinen Bezug zu (geübten) Lernwörtern/Modellwörtern haben, in den Bereich „Maßgabe der Lehrpläne“ fallen und daher zur Leistungsbewertung herangezogen werden sollten, ist aus meiner Sicht zumindest diskussionswürdig. Zur Diagnostik könnten solche Diktate (in Maßen) jedoch sogar äußerst hilfreich sein.

Aber noch einmal zu dem, was die Gesetze und Vorgaben des Landes sagen. Denn dort ist ja von der Maßgabe der Lehrpläne die Rede. Die Maßgabe der Lehrpläne ist (in NRW) u.a., dass die Kinder grundlegende Regelungen der Rechtschreibung kennen und nutzen, mit einer Lernkartei (=Lernwörterbox) üben können und Rechtschreibstrategien anwenden. All dies sind Kompetenzen, die man auch, unter gewissen methodischen Voraussetzungen, mit einem Diktat überprüfen kann.

Treffender finde ich hierzu jedoch eine Aussage aus den Bildungsstandards für den Primarstufenbereich. Als eine Kompetenz ist dort aufgeführt: geübte, rechtschreibwichtige Wörter normgerecht zu schreiben. Ferner zudem: Arbeitstechniken nutzen; Übungsformen selbständig nutzen. Auch hier kann (!!) ein Diktat eine Möglichkeit sein, den Grad der Beherrschung dieser Kompetenzen mit einer Diktatform zu überprüfen.

Etwas anderes ist natürlich die Frage, ob Diktate aus didaktischer und pädagogischer Sicht sinnvoll, gerecht und valide sind. Darüber kann man diskutieren, zumal es ja in der methodischen Gestaltung von Diktaten und vor allem für den Weg bis zu einem Diktat viele Möglichkeiten gibt. Aber verboten sind Diktate (in NRW) nicht.

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3 Antworten

  1. Heike sagt:

    Vielen Dank für diese Recherche – wir überarbeiten nämlich kommenden Mittwoch unsere Arbeitspläne und mit Sicherheit wird das dort auch ein Thema sein. In unserem Kollegium herrscht über Diktate ja oder nein und deren Bewertung keine Einigkeit. Und diese wollen wir nun auf unserem pädagogischen Tag festlegen. Bin mal gespannt.
    LG Heike

  2. Pia sagt:

    Danke! Was habe ich mir den Mund schon fusselig geredet und diversen Kolleginnen versucht klarzumachen, dass es ein Diktatverbot nicht gibt. Aber es gibt leider so viele, die wie ein Pawlow’scher Hund reflexartig „Verboten!“ krähen, nur weil sie meinen, da mal etwas gehört zu haben, das ihnen in den Kram passt.

  3. Maren sagt:

    Hallo Herr Emrich,
    in Niedersachsen nennt man Diktate in der Grundschule „Schreiben nach Ansage“ . Hier sind sie eine Art der Leistungsüberprüfung (es gibt ja noch andere)… Ich habe mich mit dem Thema etwas auseinandergesetzt und habe festgestellt, dass Diktate z.B. im Gymnasium (da werden sie sogar so genannt!!) explizit vorgesehen sind. Deshalb wäre es für die Schüler/innen sicherlich hilfreich, wenn sie in den vier Jahren der Grundschulzeit schon einmal ein Diktat geschrieben haben ;0). Oder nicht?
    Viele Grüße
    M. I.

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