Diagnose und Förderung

Passend zu meinem Beitrag zu den Förderideen fand ich am gestrigen Tag einen Werbeflyer der Firma Cornelsen in meinem Fach. Er war sehr aufwändig gestaltet und beinhaltete sogar einen 2 GB-USB-Stick, der nähere Infos zu KEKS beinhaltet. KEKS ist die Antwort des Cornelsen-Verlags zum Trendthema „Diagnose und individuelle Förderung“.  Die zweite große Verlagsgruppe um Schroedel hat hierzu ja schon seit einiger Zeit mit der Grundschuldiagnose ein Produkt im Portfolio, nun also auch Cornelsen.

Der Ansatz ist recht ähnlich, wenngleich er bei Cornelsen aufwändiger und „professioneller“ wirkt. Man lässt die Kinder einen Testbogen ausfüllen, überträgt die Ergebnisse über eine Onlinemaske zu Cornelsen und diese werten den Test aus (mit standardisierten Normtabellen, im Gegensatz zu schroedel). Daraus abgeleitet werden dann Kompetenzstufen und natürlich Förder- und Forderbedarfe. Man wirbt damit, dass man auch konkrete Fördervorschläge anbietet, allerdings habe ich hierfür bisher kein Beispiel gefunden.

Neben den üblichen Kritikpunkten „Ist das individuelle Förderung, wie sie sein sollte“ und „Wer soll das bezahlen“ ist mir hierzu noch ein ganz anderer Gedanken gekommen: Wie geht Cornelsen mit den erhobenen Daten um? Im Rahmen der Onlineauswertung werden ja nicht unerhebliche Daten erhoben: Name der Kinder, Name der Lehrkraft, Name der Schule usw. Dazu natürlich noch die Leistung der Kinder und damit der Klasse. Damit ließe sich wirklich allerlei anstellen. Dazu später mehr.

Vera bzw. das IQB/die Uni Landau erheben für im weitesten Sinne ähnliche Tests die Daten anonym: Auf die Erfassung der Schülernamen wird ebenso verzichtet wie auf die Erfassung der Lehrerdaten. Einzig mit der konkreten Schule werden die Daten (verständlicherweise) verbunden.

Was sich Cornelsen konkret für Rechte herausnimmt kann ich nicht sagen. Derzeit ist die Onlineauswertung in einer technischen Wartung. Ich hatte gehofft, dort eine Datenschutzerklärung o.ä. zu finden. Grundsätzlich könnten Cornelsen mit den Daten personalisierte Werbung ausliefern: Ein Lehrer, dessen Klasse in Mathematik besonders schwach ist, bekommt dann eben besonders viel Werbung dafür. Ferner ließe sich natürlich die Lernentwicklung eines jeden Kindes mit Namen auswerten und über die Grundschulzeit nachverfolgen. Evtl. ließen sich daraus auch Rückschlüsse auf die Qualität des Unterrichts ziehen. Und nicht zuletzt könnte Cornelsen natürlich Schulen miteinander vergleichen.

Wie bereits gesagt ist dies alles im Konjunktiv zu sehen. Ob Cornelsen dies wirklich tut steht auf einer ganz anderen Karte. In Zeiten von NSA, Prism und Co bin ich aber doch erstaunt, welch umfangreiche Datensammlung dort durch eine Firma geschieht und welche Möglichkeiten sich grundsätzlich ergeben. Ob die Übermittlung der Testdaten mit Angabe der Namen der Kinder an Cornelsen überhaupt mit dem Schulgesetz (und den darin enthaltenen Klauseln zum Datenschutz) vereinbar ist, wäre mal durch einen Datenschutzbeauftragten zu prüfen.

Für mich ein durchaus interessantes und heikles Thema …

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr guter Bericht! Es ist erschreckend, was da passiert.
    Ich bin in den letzten Tagen fast vom Stuhl gefallen, als mir klar wurde, dass es sich bei diesen Heftchen, die mir meine Freundin (sie ist Grundschullehrerin) fragend präsentiert hat, nicht etwa (wie ich zunächst annahm), um eine landesweite Lernstandserhebung o.ä. handelt.
    Als sie mich dann noch um meine Meinung zu diversen Aufgaben im Matheheft gefragt hat (ich bin Diplom Informatiker), da wurde mir allerdings auch schon fast übel.
    Es ist mir völlig klar, dass Cornelsen ein Wirtschaftsbetrieb ist und entsprechend auch Umsatz generieren (können) muss. Aber auf diese, in mehrfacher Hinsicht, sträflich schlampige Art, das ist beschämend.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.