#ded15: Ein paar Gedanken im Nachgang

Gestern fand in Köln zum dritten Mal der Digital Education Day statt, ein Barcamp rund um die Themenbereiche „Digitales Lernen“ und „Freie Bildungsmaterialien“. 230 Teilnehmer informierten und diskutierten hierbei in 40 selbstorganisierten Workshops. Dazu gab es das gefühlt beste Schul-WLAN der Welt, hervorragendes Catering und anregende Diskussionen in den Pausen. Insgesamt eine ertragreiche Veranstaltung, die hoffentlich auch im nächsten Jahr stattfinden wird. Hier stelle ich nun einige meiner Eindrücke und Gedanken zur Diskussion.

Logineo NRW

Wie erhofft konnte man in der Session von Wolfgang Vaupel einen ersten Einblick in die Struktur von Logineo gewinnen. Hinter Logineo verbirgt sich eine Arbeitsplattform für Schulen, die verschiedene Dienste und Schnittstellen zu bestehenden Diensten mitbringt. So erhält jeder Lehrer eine dienstliche Mailadresse, jede Schule ein Kalendersystem und einen Cloudspeicherplatz. Zudem stehen Schnittstellen zu EDMOND und Anbietern von digitalen Schulbücheren bereit. Für alle diese Dienste ist dann nur noch ein Login notwendig. Logineo soll (so denn alle Verträge unterzeichnet sind) im kommenden Schuljahr allen Schulen in NRW angeboten werden. Das Rollout soll allerdings bis zu 3 Jahre dauern. Die Beauftragung zur Einrichtung geschieht dabei durch die Schulleitungen, die dazu im Vorfeld informiert werden. Für die Nutzung durch die Lehrkräfte ist Logineo kostenlos, sollen auch Schüler auf Logineo zugreifen können wird es (leider) Geld kosten (ganz grob 1€ pro Schüler pro Schuljahr).

Für mich neu (und sehr wichtig) war die Information, dass die Basisdienste Cloud, Mail und Kalender auch Schnittstellen nach außen haben werden. Ich werde also auch mit dem Smartphone oder Outlook auf die Dienste zugreifen können oder zum Beispiel den schulischen Kalender via Caldav auf der Schulhomepage einbinden können. Bisher mussten dafür Eigenlösungen wie der Google-Kalender herhalten.

Ich persönlich finde es auf jeden Fall begrüßenswert, dass nun jede Lehrkraft in NRW wenigstens auf eine dienstliche Mailadresse zugreifen kann und jede Schule eine sichere Cloud zur Verfügung gestellt bekommt. So wird dann im Jahr 2016 endlich datenschutzkonforme Kommunikation und Kooperation ermöglicht. Eigentlich müsste hier jedoch noch einen Schritt weiter gegangen werden: von welchen sicheren Geräten aus wird denn auf die Dienste zugegriffen? Müsste nicht auch jede Lehrkraft ein dienstliches Arbeitsgerät zur Verfügung gestellt bekommen? Mir ist bisher erst eine Kommune untergekommen, die allen (Klassen-)Lehrkräften ein dienstliches Notebook an die Hand gegeben hat.

(Die ewige) Diskussion im OER

Auch gestern wurde natürlich über OER diskutiert. Ich möchte an dieser Stelle nicht die gesamte Diskussion aus der Session von André Spang und Saskia Esken wiedergeben, sondern nur zwei Gedanken teilen:

Qualitätssicherung

Bei der Diskussion um OER wird immer wieder der Aspekt der Qualitätssicherung ins Feld geführt: Wer stellt eigentlich sicher, dass OER-Materialien richtig und qualitativ (hoch-)wertig sind? An dieser Stelle gab Torsten Larbig zu bedenken, dass die Wikipedia als offenes, freies Lexikon inzwischen eine höhere Qualität aufweist, als beispielsweise die Encyclopaedia Britannica. Dort scheint Qualitätssicherung also zu funktionieren, indem sich eine Vielzahl von Autoren und Autorenteams um die Qualität von Artikeln kümmern.

Meine eigene Erfahrung zeigt jedoch, dass dieses Modell derzeit nicht auf Bildungsmaterialien zu übertragen ist. Dabei stütze ich mich vor allem auf meine Erfahrungen mit den Mia-Heften, die seit nun schon 6 Jahren als OER im Netz herumschwirren und seit 2 Jahren ihre Heimat bei der ZUM gefunden haben. Die knapp 50 Hefte sind dort samt aller Quelldateien verfügbar und werden rege genutzt. Allein die Übersichtsseite wurde in den letzten 2 Jahren 150.000 Mal aufgerufen, zudem sind die Hefte beispielsweise auf dem thüringischen Bildungsserver hinterlegt. Immer wieder entdecke ich jedoch kleinere und größere Fehler in den Heften. Auch Kollegen oder gar Eltern entdecken diese Fehler und schreiben mir dann (teils erboste) Mails. Aber bisher hat sich nicht eine Person die Mühe gemacht, den Fehler selbst zu beheben und die Datei noch hochzuladen. Dabei haben alle Nutzer potentiell die Möglichkeit dazu.

Aus dieser Sicht finde ich die Skepsis durchaus berechtigt und befürchte, dass es mit der sog. Schwarmintelligenz alleine nicht getan ist.

Öffentliche Förderung als didaktisches Statement

Auf der Heimfahrt kam mir noch ein ganz anderer Gedanke. Nehmen wir an, die öffentliche Hand beschließt ein Lehrwerk/Unterrichtsmaterial für den Deutschunterricht der Grundschule als OER erstellen zu lassen. Im Rahmen des Lehrwerks müsste mit Sicherheit auch der Lernbereich „Rechtschreibung“ abgedeckt sein. Da müsste man sich dann wohl entscheiden, auf welches Konzept man setzt. Der Grundschulverband stellt in seinem aktuellen Überblicksband zur Rechtschreibung nicht weniger als 14 aktuell an Grundschulen verwendete Rechtschreibkonzepte vor, die teilweise sehr weit auseinander liegen. Von Seiten der Bildungsministerien gibt es nur wenige bis keine Vorgaben, welchem Konzept der Vorrang gegeben werden soll. Jede Schule, ja teilweise jede Klasse kann ihr eigenes Süppchen kochen. Da wäre ein öffentliches gefördertes Lehrwerk, das eine Methode vorgibt, doch ein ziemliches klares Statement. Ein aus meiner Sicht auch dringend nötiges Statement, das aber mit Sicherheit nicht überall zu Jubelschreien führen würde.

Oder anders gefragt: Gehe ich mit öffentlich geförderten Bildungsmaterialien/Lehrwerken nicht wieder weg von der Output-Steuerung der kompetenzorientierten Lehrpläne hin zu einer Input-Steuerung? Werden damit dann nicht auch wieder Inhalte und Methoden vorgegeben, anstatt nur die zur erwartenden Kompetenzen?

Kommentare (4) Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Florian!
    Danke für deinen interessanten Beitrag. Die Sache mit Logineo finde ich genial. Ich wünsche mir schon sooooo lange wenigstens die Möglichkeit, von meinem Computer zuhause aus auf Vorlagen zuzugreifen, die ich jedoch nur auf den Schulcomputern vorfinde. Bei uns ist das der „Tauschlehrer“. Ja – und diese Schulcomputer sind halt in der Anzahl begrenzt, sodass ich nicht automatisch Zugriff habe…
    OER: Ich habe schon in offiziellen Schulbüchern mehrmals Fehler gefunden. Auf die Idee, den Verlag erbost anzuschreiben, wäre ich nicht gekommen. Aufmerksam machen – ja, aber das kann man auch mit netten Worten.
    Die Übersicht über die RS-Methoden werde ich mir anschauen. Hier stellt sich tatsächlich die Frage, ob man bei Vorgabe noch von Methodenfreiheit für die Lehrpersonen sprechen kann. Andererseits sind auch viele Schulbücher bezüglich RS derart konzeptlos, dass einem beinah schwindlig wird. Und falls Konzept – wer würde entscheiden, was in Frage kommt? Es ist doch jede(r) VerfasserIn von ihrem/seinen Konzept überzeugt, oder?
    Ich freue mich immer über deine Beiträge, weil sie Anlass zum Reflektieren geben.
    Schönen Sonntag noch!
    alibert

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  2. Hallo,

    der #ded15 war wirklich eine gelungene Veranstaltung mit vielen tollen Erfahrungen.

    Zwei Anmerkungen:
    Beim Moodletreff2015 am KRZN vor drei Wochen hieß es von Seiten der dortigen Anbieter der Logineo-Plattform, dass die Kosten für die Schüler-Dienste nicht ganz so hoch sind, eher in der Größenordnung von 300-400€ für eine weiterführende Schule. Der Bezrag schien auf jeden Fall bezahlbar und akzeptabel.
    Dass die Schülerzugänge bezahlt werden müssen, liegt übrigens daran, dass für diese die Schulträger zuständig sind.

    Die Qualitätssicherung bei OER halte ich auch für komplizierter als bei der Wkipedia. Dort ist das Problem relativ simpel: jeweils nur ein Begriff erklären, nur eine Plattform. Bildungsmaterialien sind im Vergleich dazu wesentlich komplexer, die Formate vielfältiger. Ganz abgesehen davon, dass eine einheitliche Anlaufstelle fehlt.

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  3. Vielen Dank für Deinen anregenden Beitrag!

    Zwei Anmerkungen zur Frage, ob und wie OER erfolgreich sein können:

    1. Wenn Du an Dich gerichtete Rückmeldungen erhältst, dann ist dies ja schon erster wichtiger Schritt zur Mitarbeit an der Weiterentwicklung Deiner Materialien.

    2. Die „Mathe für Mieze Mia“-Materialien sind nicht so direkt zu bearbeiten wie eine Wiki-Seite: Man muss sie herunterladen, bearbeiten und dann wieder hochladen. Dann sind schon recht komplexe Anforderungen. Deshalb ist 1. schon ein guter erste Schritt zur Mitarbeit.

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  4. Ich denke auch, man darf nicht zu viel erwarten. Auch wenn es einem selbst tooootal banal erscheint, bleibt es für andere ein Buch mit sieben Siegeln.

    Passend dazu auch: https://youtu.be/rc37ov1iVFQ?t=28m18s

    Und was das Gemecker betrifft: Es gibt immer solche, solche und solche …und solche 😉 Solche, die meckern, solche, die schweigen, und solche, die bejubeln. Versuch‘, eher die letztere Gruppe zu hören, dann geht’s dir besser. 😉

    Ich finde es ohnehin erstaunlich, wie viele Lehrer freiwillig mehr oder weniger gutes Material anbieten und den Verlagen „die Arbeit abnehmen“. Idee: Wäre es nicht einen Versucht wert, diese Arbeit der verstreuten Einzelkämpfer zu bündeln? Aaaah, nee! Das wird wohl nix, fällt mir ein. Du hattest doch mal verschiedene Dinge ins Leben gerufen, die kaum genutzt worden sind.

    (Es wäre wirklich mal interessant zu erfahren, was die Motive der Blogbetreiber für ihre Blogs /Materialien sind. Ich behaupte, dass da auch so etwas wie mangelndes Lob / Bestätigung im Schulalltag, Suche nach Erfolgen etc. pp. zu tun haben könnte. Worauf ich hinaus will: OER in der Grundschule kann seeeeehr langfristig gesehen, wahrscheinlich nur erfolgreich sein, wenn das System – Wiki oder was auch immer – den Befindlichkeiten und verschiedenen Motiven der Mitarbeit Rechnung trägt. Ich denke, ein OER, das sich nur durch die Fachlichkeit legitimiert und den Schreiberlingen bzw. „Gestalterlingen“ keinen persönlichen Anreiz („Erfolge“?) bietet, kann wahrscheinlich nicht funktionieren. Das ist, glaube ich, bei Wikipedia anders. Ich kenne zwei Autoren für den biologischen Bereich persönlich und die erfreuen sich daran, dass die Artikel bzw. Themen einfach „da“ sind und verbessert werden. Da ist das Motiv die Freude am Fach. Was ich eigentlich sagen will: Man muss OER vermutlich noch ganzheitlicher angehen und die potentiell beteiligten Menschen „mehr mitnehmen“.)

    Marek

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