Dale’s Cone of Experience

Ich möchte euch kurz einen Lesetipp weitergeben, auf den ich selbst durch vorgestern genannte Zeitschrift gestoßen bin. Es geht um das Buch „Schule auf Abwegen“ von Benedikt Wisniewski und Andreas Vogel. (Ja, ich habe das Buch von meinem eigenen Geld gekauft und nein, für die Verlinkung bei Amazon erhalte ich kein Geld).

Das Buch gibt schon im Untertitel sehr gut an, um was es gehen soll: Mythen, Irrtümer und Aberglaube in der Pädagogik. Denn davon gibt es wirklich viel. Das prominenteste Beispiel habe ich schon im Titel genannt. Dazu später mehr, erst möchte ich kurz den Inhalt des Buchs weiter umreißen. In 12 Essays werden einige Dinge aus Lerntheorie und -praxis auseinandergenommen. Dies jedoch nicht in unwissenschaftlich-miesepetriger Art und Weise, wie es in manch anderer Publikation von (selbsternannten) Bildungspäbsten mitunter der Fall ist, sondern (meist) schön engmaschig unter Bezug auf die Quellen. Dabei wird vor keinem Modethema halt gemacht: Noten, ganzheitliches Lernen, Frontalunterricht, Prinzipien guten Unterrichts, Neurowissenschaften, Reformpädagogik oder Individiualisierung.

Im Grunde sollte dieses Buch zur Pflichtlektüre für jeden werden, der sich in Schule ernsthaft um den Lernfortschritt seiner Schützlinge bemüht sieht. Denn vieles, was an Schule gemacht wird, wird (scheinbar) einfach so gemacht, ohne sich jemals gefragt zu haben, auf welcher Grundlage wir da eigentlich handeln. Bestes Beispiel ist der bereits im Titel genannte „Cone of Experience“. Kennt ihr nicht?? Doch, denn man bekommt ihn eigentlich ständig gebetsmühlenartig vorgetragen, vor allem wenn begründet werden soll, wieso ganzheitliches Lernen oder Handlungsorientierung so wichtig ist. Meist wird man dann mit einer Aussage dieser Art konfrontiert:

Lernforscher haben herausgefunden, dass wir behalten …
10 Prozent von dem, was wir lesen,
20 Prozent von dem, was wir hören,
30 Prozent von dem, was wir sehen,
50 Prozent von dem, was wir hören und sehen,
70 Prozent von dem, was wir selber sagen,
90 Prozent von dem, was wir selber tun,
95 Prozent von dem, was wir anderen beibringen.
Ggf. muss man Lernforscher durch ein anderes Wort ersetzen. Der schnelle Schluss aus dem Ganzen ist: Wenn ich etwas lernen (und behalten) will, dann muss ich es selbst tun. Meistens widerspricht hier niemand, denn Handlungsorientierung ist cool und hipp. Derjenige, der seine Überzeugung von handlungsorientierten Lehren mit jener zitierten Aussagen untermauert, unterliegt hier aber wohl einem confirmation bias. Er wählt diese (angebliche) Weisheit der Lernforschung aus, da sie seine Sicht bestätigt. Das es genug Untersuchungen gibt, die dagegen sprechen, interessiert hier nicht. Aber es kommt noch dicker: Benedikt Wisniewski hat sich jedoch mal auf die Suche nach der Quelle dieser pädagogischen Weisheit gemacht. Und …. *trommelwirbel* … nichts gefunden. Es gibt keinen Hirnforscher, Lernforscher oder sonstigen Pädagogen, der diese Liste je durch empirisch fundierte Arbeit je aufgestellt hat. Es gab wohl in den 40er-Jahren einen Texaner, der die Liste erstellt hat, jedoch ohne Prozentzahlen. Die wurden irgendwann mehr oder weniger hinzuerfunden. Genaues findet sich u.a. auch hier. Der Mythos dieser Liste zur Behaltensleistung oder Lernwirksamkeit hält sich jedoch wacker. Er passt ja auch so gut.
Dies ist nur ein kleines Beispiel, das in dem Buch vorgestellt und durchleuchtet wird. Auch die anderen haben es teilweise in sich und kommen mit Sicherheit nicht bei allen Lesern gut an. Und gerade deswegen ist dieses Buch wichtig, denn vielleicht öffnet es das ein oder andere Auge. Zu hoffen wäre es.

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