Buchstabensuppe

Ich brauche einmal eure Hilfe. Ich habe alleine heute wieder zwei Beiträge im Internet gefunden, wo engagierte Lehrerinnen ihre Methodik der Buchstabeneinführung im Anfangsunterricht vorstellen. Dort, wie auch an anderen Stellen im Netz, werden immer „motorische Übungen“ zum Buchstaben angeboten. Übungen dieser Art:

  • Buchstaben in die Sandwanne schreiben.
  • Buchstaben aus Knete kneten
  • Buchstaben aus Konfetti aufkleben
  • Buchstaben stempeln
  • Buchstaben prickeln
  • Buchstaben sticken
  • Buchstaben aus Faden auf den Boden legen und den Faden ablaufen

Die Liste könnte man vermutlich noch fortsetzen, denn die Kreativität kennt hier keine Grenzen. Meine Frage hierzu lautet: Warum? Wo steht geschrieben, dass dies sinnvoll/nötig ist? Ich suche ganz ernsthaft nach einer Quelle, die die Sinnhaftigkeit und Effektivität dieser Methoden in Bezug auf Schriftspracherwerb diskutiert. Dass derartige Übungen einen positiven Effekt auf die u.U. schlecht entwickelte Fein- und Grobmotorik haben ist mir klar. Aber warum laufe ich einen Buchstaben nach oder warum knete ich ihn mir zurecht? Welche Ziele in Bezug auf Schriftspracherwerb verfolge ich mit diesen Übungen?

Von Marek habe ich schon vor einigen Wochen diesen Text erhalten, in dem es in Kapitel 5.1.3.2 zumindest um das Kneten geht.

Kommentare (5) Schreibe einen Kommentar

  1. Deutsch habe ich nicht studiert, aber in meinem Seminar Anfangsunterricht hieß es: „Ist gut für die Feinmotorik. Aber Sie können es auch lassen und etwas anderes Kneten.“
    Aus meinem sehr geringen praktischen Erfahrungsschatz nehme ich mit:
    Schreiben in der Sandwanne hilft Kindern mit motorischen Schwierigkeiten durch das Format, mit Wahrnehmungsschwierigkeiten durch die Stimulation (wir hatten recht viel Sand in der Wanne), spart ungemein Papier und Frust (weil man alles Nicht-Gelungene schnell ungesehen machen kann), hilft beim Einhalten von „doppelten Wegen“ in der Schreibschrift.
    Sinvoll fand ich auch das Schreiben in Kneteplatten. Der höhere Widerstand half vielen Kindern, die Form besser einzuhalten und doppelte Linien wirklich doppelt auszuführen.
    Ich habe sie die Buchstaben einfach in vielen Größen und mit/auf vielen Materialien schreiben lassen (Sand, Knete, Grüntafel, Weißtafel, IWB, Papier…)
    Eine wichtige Sache fehlt mir: wir haben alle Buchstaben auch mit Handzeichen eingeübt. Dies war einigen Kindern eine Hilfe beim Zergliedern von Wörtern in Laute und auch beim Synthetisieren. Sie konnten zuerst „stumm“ gezeigte Wörter aus den Handzeichen erlesen, bevor es ihnen mit Buchstaben gelang. Bei einem neuen „Durchgang“ in Deutsch würde ich das auf jeden Fall wieder mit hinzunehmen.
    Wie gesagt – dies ist nicht wissenschaftlich fundiert, keine Theorie dazu, sondern nur „Kindern was anbieten und beobachten“.

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  2. Ich habe das bisher noch nie fachwissenschaftlich hinterfragt, aber bei Kindern mit Lernschwierigkeiten (oder geistige Behinderung) ist man immer wieder auf der Suche nach zusätzlichen Möglichkeiten, sich mit der Buchstabenform auseinanderzusetzen, um diese irgendwann zu verinnerlichen.
    In der Grundschule springt ihr ja von einem Buchstaben zum nächsten. Im Förderschulbereich verbringt man schon mal 7-10 Tage mit einem neuen Buchstaben. Im Unterricht bei Schülern mit geistiger Behinderung noch länger. Da brauchts dann schon auch etwas Abwechslung…

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  3. Hallo,
    du wirst nichts dazu finden, da die Wissenschaft sich diesem Forschungsgegenstand nicht widmet: man würde natürlich aber bei einer Interventionsstudie aber auch keinen signifikanten Effekt finden, da die motorischen Übungen sicher nicht direkt korrelieren mit den domänenspezifischen Fähigkeiten wie Buchstabenkenntnis oder ähnliches.
    Ich glaube wissenschaftlich lässt es sich nur indirekt begründen: in allen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Schriftspracherwerb findet man etwas zu „Voraussetzungen für den Schriftspracherwerb“ und den Theorien der Lernpsychologie, dass Lernen, welches auch die emotionale Seite positiv anspricht, mehr Chancen verspricht die Inhalte ins Langzeitgedächtnis zu bringen.
    Die ganzen motorischen Übungen haben meines Erachtens keinen wissenschaftlichen Zusammenhang zu „Behalten von Buchstaben“ aber einen Zusammenhang hinsichtlich „Voraussetzung motorische Fähigkeiten für den Schreiblernprozess“.
    Da wir in der Grundschule uns ja – im Gegensatz zu Förderschulen – am Anfang nicht mehr lang mit allgemeinen feinmotorischen Übungen aufhalten, ist es m. E. damit zu begründen, dass hier die für den motorischen Schreibprozess Grundlagen geübt werden.
    In der Regel nehmen die motorischen Übungen ja immer auch sinnvollerweise im Laufe des Schuljahres ab und die spezifischen Laut- , Schreib- und Leseübungen nehmen zu….
    Ansonsten lässt es sich natürlich noch mit „Motivationsförderung“ begründen und „anschlussfähige Bildungsprozesse vom Kindergarten zur Grundschule“: die Arbeitsweise vom Kindergarten wird am Anfang des Anfangsunterrichts aufgegriffen, um hier Anschlussfähigkeit herzustellen. Diese Begründung wäre aber natürlich dann eine rein didaktische bzw. erkenntnistheoretische und keine empirisch-wissenschaftliche.

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    • Herrn Emrich

      Hallo Karin,
      vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast und so ausführlich geantwortet hast. Insgesamt sehe ich da ja bestätigt (also auch durch die Antworten von Christiane und Matthias), dass es um die Förderung der motorischen Anteile des Schreibprozesses geht. Daher wäre teilweise der Buchstabe als Thema der Übung durchaus austauschbar, wenn es z.B. ums Kneten, Prickeln oder Sticken geht.
      Mein persönlicher Eindruck von dem, was mancherorts als „Buchstabenlernweg“ vorgestellt wird, ist, dass der Anteil an motorischen Übungen etwas hoch (zu hoch??) ist und Übungen z.B. zur Förderung der phonologischen Bewusstheit etwas zu kurz kommen. Vielleicht auch, weil die oben erwähnten Übungen sogar als Teil eines „Lernens mit allen Sinnen“ gesehen werden.

      Also … vielen Dank für alle Antworten bisher!

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  4. vielleicht steht die Begründung in „ABC mit allen Sinnen“, ein Klassiker für den Schriftspracherwerb.
    Und was ist mit
    Brügelmann: „Kinder auf dem Weg zur Schrift“? – auch ein Klassiker,

    lg Silke

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