Blogparade: Rechtschreiben

Heute möchte ich alle (Grund-)Schulblogger einmal zu einer Blogparade zur „Rechtschreibung“ aufrufen. Die Idee zur der Blogparade kam mir in der vergangenen Woche:

Der Landtag des beschaulichen Bundeslands Mecklenburg-Vorpommern hat bereits am 21.2. eine vergleichsweise kurze Pressemitteilung zum Landesergebnis der Schulen in Vera 2014 (Bereich Rechtschreibung) veröffentlicht. Viele Presseportale haben die Mitteilung mit den Ergebnissen einfach mehr oder weniger kopiert, die FAZ hat daraus einen vergleichsweise schlecht recherchierten Artikel über „Schreiben nach Gehör“ gemacht.

Zu den Fakten: Im Land Mecklenburg-Vorpommern haben 37% der Kinder Kompetenzniveau 1 erreicht, 26% der Kinder liegen auf Kompetenzniveau 2. Eine exakte Beschreibung der Kompetenzstufen zur Rechtschreibung konnte ich im öffentlichen Bereich nicht finden, eine erste Übersicht lässt sich aber dem Bericht aus dem Land Berlin entnehmen.

Dabei sollte des Land MV doch froh sein. Über die erreichten Ergebnisse würde man in Berlin frohlocken! Dort sind 50% der Kinder auf Kompetenzniveau 1 und 22% der Kinder auf Kompetenzniveau 2. Anders gesprochen: Nur 28% der Kinder erreichen dort am Ende von Klasse 3 ein fortgeschrittenes Leistungsniveau.

Doch was heißt „Niveau 1“ eigentlich? Für dieses Leistungsniveau wird (verkürzt gesagt) gefordert, dass Wörter überwiegend lautgetreu geschrieben werden. Für „Niveau 2“ wird dies erweitert zu „Schüler kann nach grundlegender Laut-Buchstaben-Zuordnung schreiben und wendet erste Rechtschreibregel an“. Eine Kompetenz, die in NRW am Ende von Klasse 2 erreicht sein soll. 50% der Kinder in Berlin erreichen diese Kompetenz NICHT. Am Ende von Klasse 3.

Mir ist durchaus bewusst, dass die VERA-Tests nicht unumstritten sind. Aber unterstellen wir einfach mal, dass VERA ein gewisses Maß an Reliabilität und Validität besitzt. Wie kann es dazu kommen, dass am Ende von Klasse 3 ein so hoher Prozentsatz an Kindern nicht das Kompetenzniveau erreicht hat, das am Ende von Klasse 2 erreicht sein sollte bzw. dieses so gerade erreicht?

Ich finde dieses Thema durchaus interessant und wichtig. Daher starte ich hiermit die Blogparade Rechtschreibung. Bis zum 23.03. dürfen sich alle BloggerInnen beteiligen und den Link zu ihrem Beitrag in den Kommentaren posten. Ein paar Schlagwörter zur Ideenfindung möchte ich noch mit auf den Weg geben: Konzepte, Blick in die Praxis, Diagnostik, fehlende Grundlagen, Literatur, Ausbildung, Material … Und insbesondere die Kollegen der Sek1: Was kommt bei euch an? Decken sich eure Erfahrungen mit den Ergebnissen aus VERA?

Kommentare (7) Schreibe einen Kommentar

  1. Schade, dass noch keine Kommentare da sind – ich würde gerne in einen Diskurs über dieses Thema eintreten. Gerade heute hatte ich wieder einen Tiefschlag, was die Rechtschreibung meiner Schüler in der Sechsten anbelangt – mehr dazu (ja, auch provokant) unter https://lilohenner.wordpress.com/

    Viele Grüße aus der Provinz von Frau Henner

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  2. Pingback: Allein allein | Herrn Emrich schreibt

  3. Ich bin erst jetzt auf Deine Blogparade aufmerksam geworden. Ich unterrichte an einem Gymnasium in Baden-Württemberg, in den letzten Jahren aber nur Mittelstufe aufwärts.

    Mir fällt auch auf, dass ich in den Arbeiten (ich unterrichte Bio, Geo, Englisch und Naturwissenschaft und Technik) sehr viele sprachliche Fehler korrigieren muss. Die Schüler, die mich neu haben, machen oft große Augen, wenn all die sprachlichen Fehler in den Nicht-Sprachfächern angestrichen sind. Und dass ich eine separate sprachliche Verbesserung verlange, halten viele beim ersten Mal für einen Scherz.

    Es scheint also, dass das Thema Rechtschreibung insgesamt keinen hohen Stellenwert hat. Es ist ja auch bequemer so: Die »Gesellschaft« legt weniger wert darauf und es macht ja viel Mühe, all die Fehler anzustreichen. Die Korrektur verlängert sich dadurch erheblich.

    Was mir auffällt: Es ist inzwischen völlig normal, dass in Aushängen im Kindergarten, in Schreiben von einem Handwerker, selbst in Artikeln der Lokalzeitung und auf großen Nachrichtenportalen Rechtschreib- oder gar Grammatikfehler drin sind. In diesem Umfeld ist es sehr mühsam dagegen zu halten.

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    • Diese Beobachtungen kann ich alle unterschreiben. Wie gesagt, perfekt muss keiner sein und es schleicht sich schnell mal ein Fehlerchen ein.
      Im Kindergarten ging aber kein Satz ohne zwei bis drei Fehler, und selbst da drücke ich mal ein Auge zu, weil die Kinder das Geschriebene der Erzieherinnen meist noch nicht lesen können. Aber es geht dann so weiter und irgendwann wird es brenzlig – denn gefühlt immer mehr Menschen kokettieren mit ihrer Unfähigkeit richtig zu schreiben. Nein, man kann das nachschlagen. Ich weiß doch auch nicht alles, dafür gibt es den DUDEN. Die Menschen googeln doch sonst alles Mögliche. Warum dann hier nicht. Ist Rechtschreibung so unsexy?

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  4. Eines der Kernprobleme im Rechtschreiberwerb ist leider die Tatsache, dass in der Ausbildung an den meisten Universitäten kein besonderer Wert mehr gelegt wird. Woran ich das festmache: An der Anzahl der Professuren für Rechtschreibung (RS). Davon gibt es mittlerweile nur noch weniger als 10 in Deutschland – wenn ich mich richtig erinnere. Ich stehe in gutem Kontakt mit einem der letzten Professoren für RS und er bzw. seine Ehefrau bemängeln die Unwissenheit in Sachen Rechtschreibung und das fehlende Interesse vor allem auch an den Universitäten. Es gibt kaum Forschung und Fördergelder für Rechtschreibung. Sie ist unsexy!

    Was mir in der Grundschule auffällt: Wir sollen diverse Aufsätze zu verschiedenen Schwerpunkten schreiben (Vorgangsbeschreibung, Märchen, Fabeln und was es sonst nicht so alles gibt). Mittlerweile weigere ich mich immer mehr, dies zu tun, da so viel Zeit für die formalen Aspekte verbraucht wird, dass zu wenig Zeit für das Relevante bleibt. Was das Relevante für mich ist? Vielleicht in aller Kürze: Die Fähigkeit, eigene Gedanken in sinnvollen, zusammenhängenden und vollständigen Sätzen strukturiert und ohne inhaltliche Brüche sinnvoll und adressatengerecht auf Papier zu bringen. Dabei muss dann auch noch Sprachliches berücksichtigt werden: Satzbau, Ausdruck etc. Was nützt es mir bzw. den Kindern, wenn ich die Fabel „durchgenommen“ habe und sie einen fremden Text „bearbeiten“, während sie dabei kaum an der eigenen(!) Sprache arbeiten, weil sie mehr oder weniger gelungen, die gegebenen Aufsatzkriterien zu treffen versuchen, um eine gute Note zu bekommen. In der Zwischenzeit lege ich viel mehr Wert auf eigene Texte, bei denen die Kinder die oben angedeuteten Fertigkeiten erwerben müssen. Und das alleine kostet schon sooooo viel Zeit! Texte verfassen, Feedback (vor allem auch von mir), Texte verfassen, Feedback… Und dann die Rechtschreibung noch dazu…

    Ach ja, gäbe viel dazu zu sagen… Nur so viel für heute!

    Beste Grüße
    Marek

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  5. Ergänzung:

    „Eines der Kernprobleme im Rechtschreiberwerb ist leider die Tatsache, dass in der Ausbildung an den meisten Universitäten kein besonderer Wert mehr gelegt wird.“

    Und das spiegelt sich auch in den sog. Rechtschreibkonzepten von Schulen wieder, die ja von den Lehrerinnen und Lehrern geschrieben sind, in denen Rechtschreibung auf den Übungsaspekt reduziert wird (viel wiederholen, üben, üben üben – Laufdiktat, Hördiktat, und was es nicht alles gibt – einen geschriebenen Fehler 5x neu ins Heft schreiben). Ich erinnere mich nicht, dass ich jemals in einem Rechtschreibkonzept einer Schule gelesen hätte, auf welchen fachdidaktischen Ansätzen ihr Konzept beruft. Bestenfalls steht dann was von lautgetreuen Wörtern. (Allerdings sind auch die lautgetreuen Wörter nur die halbe Wahrheit. Auch diese lassen sich noch weiter gliedern.) Worum genau geht es didaktisch in Klasse 1/2/3/4, wie soll es erreicht werden, welches Wortmaterial, welche rechtschreibdidaktischen Aspekten sollen mit eben diesen erreicht werden, was geschieht mit den Kindern, die Probleme haben bzw. kaum/keine etc. So sähe für mich ein Konzept aus, das meiner Meinung dem Begriff Konzept würdig wäre. Und im Idealfall arbeitet die Grundschule mit den weiterführenden Schulen zusammen.

    Ich schlug dem nahe gelegenen Gymnasium vor drei Jahren eine Zusammenarbeit in der Rechtschreibung vor. Leider gab es darauf KEINE Reaktion trotz mehrfacher persönlicher Anfrage.

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  6. Mich hat interessiert, wie ich eigentlich die Rechtschreibung gelernt habe – zwischen 1973 und 1976. So habe ich mir das Lehrerhandbuch zu meiner Fibel im Antiquariat bestellt. Leider liegt es in der Schule, sonst hätte ich hier wörtlich zitieren können. Aber soviel zum ersten Eindruck: das Lehrerhandbuch ist genauso groß wie die Fibel, hat nur etwas mehr Seiten (kein Ordner mit Kopiervorlagen, kein Zusatzmaterial etc. pp.) Und das wichtigste, wie ich finde: der Anfangsunterricht ist Lese-Unterricht, und zwar Ganzwörter. In jedem Kapitel werden neue Wörter hinzu genommen, die bereits bekannten wiederholt. Die Satzanfänge sind klein geschrieben, es gibt noch keine Satzzeichen. Vielleicht mussten die Schüler die Satzzeichen selbst einfügen? Und die Satzanfänge groß abschreiben? Das weiß ich nicht. Im Lehrerhandbuch steht ein – aus heutiger Sicht – merkwürdiger Kommentar, den ich hier sinngemäß wiedergebe: „Die heutigen Schüler sind feinmotorisch geschickter, als vorherige Schülergenerationen, weil sie von klein auf mit Spielzeugautos und Legosteinen spielen konnten.“ Trotzdem werden sehr viele Schwungübungen empfohlen – die sorgfältige und ordentlich Ausführung der Schrift ist äußerst wichtig. (Anm.: Um sich bestimmte Wortbilder einzuprägen, scheint es mir auch mittlerweile auch wichtig, die Wortbilder möglichst genau zu schreiben). Den Schülern wurde also erst der Sinn von Texten vermittelt, bevor von Ihnen verlangt wurde, Schrift zu produzieren. In Lese- aber auch Schreibübungen, die erst im hinteren Teil der alten Fibel auftauchen (ab Weihnachten?) gibt es dann Automatisierungsübungen zu einzelnen Lauten oder Lautverbindungen. Am Ende der Fibel/des ersten Schuljahres sind die Texte schon sehr lang, der Wortschatz umfangreich, die Schrift wechselt von der Schreibschrift zur Druckschrift (und nicht umgekehrt). Ich habe leider keine Arbeitsblätter mehr aus der Zeit. Aber es waren diese sehr aufwendig zu produzierenden Matrizen, so dass ich denke, dass es auch davon nicht viele gab – nicht so viele, wie heute!! Ich habe einige dieser Übungen für meine Schüler entnommen und festgestellt, dass sie diese gerne gemacht werden. Es hat etwas meditatives an sich und das Ergebnis einer ganzen Seite Text, selbst geschrieben, ist sicherlich befriedigender, als auf einem Arbeitsblatt die Lücken ausgefüllt zu haben. Über die vielen Wiederholungen prägen sich Wörter ein – eine Bewusstmachung von Rechtschreibung findet unbewusst statt. Dies leistet das Gehirn möglicherweise von alleine – analog zu den Ausführungen von G. Hüther über die Bildung von Partizipien der Verben mit der Endung -ieren: spazieren – spaziert (und nicht >gespaziert<)
    Ob der damalige Rechtschreibunterricht im allgemeinen erfolgreicher war, weiß ich allerdings auch nicht. Wir waren doppelt so viele Schüler wie heute. Es gab sicher auch Kandidaten, die Schwierigkeiten hatten, sowohl sauber als auch richtig zu schreiben.
    Soweit von mir. Um es mit Bertold Brecht zu sagen: Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen." Bin gespannt, wie es weiter geht.

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