Bildungsbericht 2016 – Die Schuld der anderen

Es ist nun bald 2 Wochen her, dass der IQB Bildungstrend 2016 veröffentlicht wurde. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich überhaupt etwas dazu schreiben soll, denn plötzlich hat ja jeder, der einmal eine Grundschule von innen gesehen hat, eine passende Analyse parat. Fast scheint es so, als habe man sehnsüchtig auf diese Zahlen gewartet, um seinen bereits bestehenden Forderungen Nachdruck zu verleihen. Wirklich überrascht über die Ergebnisse dürfte eigentlich niemand gewesen sein. So wird doch seit Jahren VERA in Klasse 3 geschrieben. Auch wenn die dortigen Ergebnisse natürlich mit Vorsicht zu genießen sind (dazu komme ich später noch), so hätte die Resultate einen Hinweis darauf geben können, in welche Richtung der Trend geht.

Der Trend geht bergab. Zwar nicht so steil, wie man aufgrund des kollektiven Aufschreis in den Medien vermuten möchte, aber eben doch bergab. Die Analysen arbeiten als Gründe die schlechte Bezahlung der Lehrkräfte heraus, die vermurkste Inklusion, die Flüchtlinge, die digitalen Medien, falsche Unterrichtsmethoden und natürlich die Lehrer. Man muss natürlich hinterfragen, wieso Erklärungsansätze, die gesamtgesellschaftliche Veränderungen in den Blick nehmen, in den einzelnen Bundesländern deutlich unterschiedlich zu wirken scheinen. Hat man in diesen Ländern keine digitalen Medien? Überhaupt: An welchen Grundschulen werden digitale Medien so intensiv eingesetzt, dass sie überhaupt einen Einfluss auf nur irgendwas gewinnen können?

In einem sind sich aber wohl alle Analysen nahezu einig: Es sind die anderen, die Schuld an der Misere haben. Man fühlt sich fast an einen Streit in der Pause erinnert. Auch dort ist es immer der andere, der angefangen hat und demnach die Schuld trägt. Doch in den Pausen leiten wir die Kinder dazu an, auch eigene Streitanteile zu benennen. Klappt das auch bei der Analyse des Bildungstrends 2016? Bisher sehe ich diesen Mut noch nicht.

Vielleicht würde es auch helfen, wenn man den Blick weg vom Gesamtergebnis und hin zu den Schulen lenkt, die besonders gute Ergebnisse erzielt haben und dies vielleicht sogar in schwierigen Bedingungsfeldern. Was machen diese Schulen anders? Wo könnten Gründe für den Erfolg liegen? Welche Ansätze und Konzepte haben (nachhaltigen) Erfolg? Wo kann man von anderen Schulen und Kollegien lernen? Doch stattdessen wird mit nicht klar abgegrenzten Begriffen (Lesen durch Schreiben ist nicht nur durch die Verwendung einer Anlauttabelle definiert) und Verboten um sich geworfen.

Eine Analyse der eigenen Stärken und Schwächen sollte (in NRW) eigentlich auch jede Schule für sich auf Grundlage des Vera-Tests durchführen. Der Bildungstrend 2016 zeigt jedoch auch, dass die Daten aus VERA vielleicht eher mit Vorsicht zu genießen sind. Vergleicht man z.B. die Vera-Daten für NRW aus 2015 im Bereich Lesen mit dem BIldungstrend, so fällt auf, dass bei VERA deutlich bessere Ergebnisse erzielt werden:


Vera bietet vielleicht doch genügend Lücken, in denen engagierte Lehrkräfte die Ergebnisse ihrer Lerngruppe verbessern können.

Mancherorts liest man schon, dass wir in den Schulen auch zu viel testen und es langsam reicht und man die Lehrer in Ruhe arbeiten lassen solle. Aber testen wir vielleicht nicht eher zu wenig? Sind wir Akteure des Bildungssystems nicht vielleicht zu wenig damit vertraut, die Ergebnisse unseres Handelns durch objektive Tests zu überprüfen und daraufhin zu optimieren? Ich bin mir da in der Tat unsicher und würde diese Frage einfach mal zur Diskussion stellen.

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3 Antworten

  1. Nun, auch in Östereich wird ja fleißig getestet. Mal zu wenig, mal zu viel… jeder der mal eine Volksschule von innen gesehn hat, der hat eine Meinung dazu. Auch hier nichts Anderes.

    Ich finde Testungen jeglicher Art haben nur dann Sinn, wenn man nachher drauf reagiert. Die Lerninhalte für alle oder einzelne Schüler ändert.

    Etliche Tests die wir in Österreich aufs Auge gedrückt bekommen sind so schwammig, dass ein Reagieren schwer bis unmöglich ist. Bestes Beispiel: die Bildungsstandards. Wir testen die Kinder am Ende der Vierten, ein halbes Jahr später erhält der Lehrer einen verschlüsselten Einblick – der Rückschluss auf einzelne Schüler ist für den Lehrer nicht möglich. Pfffff…. ja, wenn ein Bereich ganz im Argen liegt kann ich im nächsten Durchgang etwas ändern. Aber mir ist das viel zu undirekt und nebulös.

    Es gibt auch Tests die sind wirklich gut – und ehrlicher Weise muss ich mir eingestehen: Ich wüsste dann oft den Förderansatz – habe aber im Schulalltag nicht immer die Kraft ihn zielgerichtet zu verfolgen.

    Kurzzusammenfassung: Testen? Ja! Aber bitte nur wenn man auch den dringenden Wunsch danach hat. Sonst setzt man die Infos nicht um.

  2. Katja sagt:

    Ich schließe mich dem ersten Kommentar an: es gibt defintiv sinnvolle Tests, die einem weiterhelfen und solche, die unsinnig sind. VERA gehört für mich eher in letztere Kategorie, weil er sich nicht an den Bedürfnissen und Gegebenheiten der konkreten Schulen orientiert. Mein bisheriger einziger Durchlauf mit VERA fand in einer „Brennpunktschule“ statt. Es hat mich und die Kinder wertvolle Unterrichtszeit gekostet, für meine heillos überforderten Schüler war es absolut frustrierend und mir selbst hat es keinerlei neue Erkenntnisse gebracht. Dass meine Schüler in allen Bereichen sehr schwach waren, wusste ich auch vorher schon aber konkrete Hinweise zu Förderung erhält man letztlichnicht. Ein Beispiel für einen sinnvollen Test ist m.E. zum Beispiel die HSP, die an meiner jetzigen Schule ganz regelmäßig mit allen Schülern durchgeführt wird. Diese Ergebnisse finde ich sehr interessant und aufschlussreich, weil ich wirklich die Entwicklung der einzelne Schüler verfolgen kann und konkret sehen kann, wo noch gefördert werden muss. Allerdings habe ich dann ebenfalls das Problem, dass im Alltag zu wenig Zeit und Raum für diese gezielte Förderung bleibt (aber immerhin hat man schonmal eine Idee, was zu tun wäre…). An meiner vorherigen Schule wurde dieser Test übrigends aus Kostengründen nur mit einzelnen auffälligen Schülern durchgeführt….hier wäre Geld mal sinnvoll investiert.
    Was externe Testungen zur Schulentwicklung angeht, begreife ich auch nicht, wieso es nicht möglich ist, wirklich mal genau hinzusehen. Ganz konkret in die Praxis und unter Berücksichtigung aller möglichen Einflüsse. Nicht einfach: LdS ist an allem Schuld! Sondern wirklich mal hingucken: Was tun die Lehrer konkret in den Klassen (machen die da wirklich LdS oder hängt da nur eine Anlauttabelle an der Wand???) Wie setzt sich die Klasse zusammen? Sind das alles Kinder, die auch zu Hause Kontakt zu Büchern haben oder lesen sie nur in der Schule? Sprechen alle Deutsch? Wieviele Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf sind in der Klasse?
    Wieviele mit LRS? Wieviel Unterstützung hat die Lehrkraft konkret im Unterricht? Wiviel kompetente Beratung erhält sie? Wieviel Zeit und Ruhe hat sie überhaupt um einzelne Kinder gezielt zu unterstützen? Und hat sie eigetnlich Grundschullehramt gelernt? ….und so weiter und so fort. Und bitte auch mal langfristig beobachten. Das wäre mal ein zwar sehr komplexes aber lohnendes Forschungsgebiet! Und zu gucken, warum es an manchen Stellen besser funktioniert als an anderen wäre in der Tat das Klügste, was man machen kann.

  3. Pet sagt:

    Hallo
    Ich kann mich dem Vorredner nur anschließen. Den Einsatz des HSP fände ich auch als Idee gut.
    Dann weiß ich zumidest, wo das Problem liegt und wie sich die weitere Entwicklung gestaltet.Die Gestaltung der zusätzlichen Förderung sehe ich auch als schwierig an. Ich müsste manchmal mit Kindern alleine arbeiten,in Ruhe, anderer Raum. Das ist aber so gut wie gar nicht möglich.

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